Vom Nutzen der Literatur als Lerngelegenheit in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung


Negative Beispiele im 20. Jahrhundert

 Im Zentrum des vorliegenden Lesebuchs steht die Auseinandersetzung mit gelingendem Lehrpersonenhandeln. Diese Abgrenzung erfolgt sehr bewusst und ergibt sich kontrastiv vor dem Hintergrund, dass es in der deutschen Literaturgeschichte eine fast erdrückende Tradition negativer Lehrerbilder gibt. Beginnend im vergangenen Jahrhundert sind etwa, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, zu nennen Direktor Wulicke und Dr. Mantelsack aus Thomas Manns «Buddenbrooks», Robert Musils «Die Verwirrungen des Zöglings Törless», Heinrich Manns «Professor Unrat», Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» (wo Lehrerfiguren mit den sprechenden Namen Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick, Knochenbruch und Hungergurt auftreten…), Friedrich Torbergs «Schüler Gerber», Joseph Roths «Der Vorzugsschüler», Rainer-Maria Rilkes «Die Turnstunde» und Hermann Hesses «Unterm Rad». In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bringen etwa Alfred Anderschs «Der Vater eines Mörders» (im Fokus steht der Unterricht beim Vater des SS-Führers Heinrich Himmler), Martin Walsers «Ein fliehendes Pferd» (der Gymnasiallehrer Helmut Halm nimmt aus verletzter Eitelkeit den Tod seines Segelpartners in Kauf), Georges-Arthur Goldschmidts «Die Absonderung» (der Ich-Erzähler wird zum Opfer des wiederholten psychischen und physischen Missbrauchs durch seine Lehrer) und der erste Teil von Thomas Bernhards Autobiographie «Die Ursache» krasses Missverhalten von Lehrpersonen zur Sprache. Bertolt Brecht behilft sich im Rückblick auf die Qualität seiner Lehrer mit Ironie, wenn er schreibt:  «Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern…». (Brecht 1998, 177)

Negative Beispiele bei Frisch, Dürrenmatt und ihren Nachfolgern

Im Zentrum der Lehrerkritik stehen ein unangemessenes und häufig unmenschliches Autoritätsgehabe, fachliche Inkompetenz, das Verfallensein an Lebenslügen sowie Selbstzufriedenheit und Konformismus von Lehrern als «Sachwaltern der fertigen Welt» (Sloterdijk 2001, 40). Auch im Werk der beiden Klassiker der modernen Schweizer Literatur finden sich immer wieder negative Lehrerbilder. So ist es in Max Frischs Drama «Andorra» der Vater, der seinen unehelichen Sohn Andri überhaupt erst zum «Juden» macht - er ist von Berufs wegen Lehrer. Friedrich Dürrenmatt führt im Theaterstück «Der Besuch der alten Dame» die Figur des Dorflehrers von Güllen als Beispiel für die Verführbarkeit und die Verlogenheit von Intellektuellen vor; und in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fabrizierte er bei einem verregneten Ferienaufenthalt am Mittelmeer für seine Kinder teilweise sehr boshafte, ja grenzwertige Karikaturen, die keine Negativ-Klischees über das Lehrer-Sein auslassen (vgl. Dürrenmatt 1963). In der Generation nach Frisch und Dürrenmatt erhält die Negativität des Lehrerbilds eine neue Färbung. Gewissermassen im Sinn von Robert Walsers Diktum «An seinem Pult sitzt der Lehrer wie ein Einsiedler zwischen Felsen; die Wandtafeln sind schwarze, unergründliche Seen» (Walser 2010, 56), werden Lehrer nun weniger als Täter, sondern vielmehr als isolierte Opfer dargestellt (seitens der Behörden, der Kolleginnen und Kollegen, der Schülerinnen und Schüler, der gesellschaftlichen Verhältnisse generell). Zugespitzt gesagt: Der Fokus der Lehrerkritik wandelt sich vom gequälten Schüler zum kaputten Lehrer, etwa in Adolf Muschgs «Albissers Grund», Hermann Burgers «Schilten» oder Markus Werners «Zündels Abgang».

Negative Beispiele in der Gegenwartsliteratur 

Die negative Tendenz des Lehrerinnen- und Lehrerbildes setzt sich in der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende fort, so in Büchern von Jakob Arjouni («Hausaufgaben»), Norbert Niemann («Schule der Gewalt»), Markus Orths («Lehrerzimmer»), Kai Weyand («Schiefer eröffnet») und Juli Zeh («Spieltrieb»). Ulrich Rüdenauer betitelt seinen Beitrag in der «Zeit» vom 25. April 2012 über aktuelle Lehrerinnen- und Lehrerromane von Klaus Böldl, Jan Böttcher, Nina Grossmann, Anna-Katharina Hahn und Judith Schalansky mit «Lehrer am Rand des Abgrunds». In diesem Zusammenhang besonders zu erwähnen ist auch  der jüngst erschienene Schulroman von Tonio Schachinger ("Echtzeitalter" 2023). In der Schweizer Gegenwartsliteratur sind es unter anderen Martin R. Dean («Falsches Quartett»), Adelheid Duvanel («Ein flaues Gefühl im Magen») Urs Faes («Und Ruth»), Flurin Jecker («Lanz»), Matto Kämpf («Suppe, Seife, Seelenheil»), Hansjörg Schertenleib («Offene Fenster, offene Türen») und Benjamin Wells («Becks letzter Sommer»), die in ihren Werken negative Lehrerbilder entwerfen.

Die Wirkung von positiven Beispielen in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung


 

Wenn das vorliegende Lesebuch vornehmlich «gelingendes» Handeln von Lehrerinnen und Lehrern aus der jüngeren Schweizer Literatur darstellt, verfolgt es  - insbesondere bei der Zielgruppe der Lehramtsstudierenden in der Aus- und Weiterbildung - die folgenden spezifischen Absichten, die über den oben dargestellten allgemeinen Nutzen der Literaturbetrachtung für das Verständnis pädagogischer Praxis hinausgehen bzw. sie präzisieren:
  

  • Die Studierenden erfahren, dass Literatur relevante Aussagen über eine wertvolle Ausgestaltung ihres Berufsauftrags macht und erleben somit eine Stärkung ihrer Professionalität.

  

  • Sie setzen sich damit auseinander, was zu verschiedenen Zeiten in der Literatur als gelingendes Lehrerinnen- und Lehrerhandeln beurteilt wurde. 

 

  • Als vom Dargestellten nicht nur professionell, sondern auch persönlich Betroffene entwickeln sie Interesse und Freude am literarischen Lesen. 

 

  • Sie schärfen den Sinn für die präzise Verwendung der Wortsprache als des nach wie vor wichtigsten Instruments jeder Didaktik.

  

  • Da sich Literatur wesensmässig nicht nur an den Einzelnen wendet, sondern an ein interessiertes breiteres Publikum, erhalten sie Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, eigene Ansichten zu formulieren und auszutauschen und somit nicht nur bezogen auf das zur Debatte stehende Thema, sondern auch bezogen auf einen möglichst förderlichen Gesprächsstil voneinander zu lernen.

 

  •  Sie setzen sich mit positiven Gegenbildern zu den teilweise nach wie vor ungerechtfertigt kritischen Vorurteilen auseinander, welche die Gesellschaft der Tätigkeit von Lehrerinnen und Lehrern entgegenbringt.[3] 

 

Dabei bedeutet der Fokus auf gelingendem Lehrerinnen- und Lehrerhandeln keineswegs Konformismus gegenüber Schule und Lehrberuf, wie sie sich aktuell präsentieren. Im Gegenteil: Wie die Auswahl der Texte zeigt (siehe unten), ist es in vielen Fällen gerade die Opposition gegenüber gängigen Vorstellungen von Schule und Lehrberuf, die gelingendes Lehrerinnen- und Lehrerhandeln erst zum Vorschein bringt.  


[3] Gemäss Markus Rieger-Ladich ist indessen der Entwurf positiver Lehrerinnen- und Lehrerbilder nicht die Aufgabe von Literatur: «Statt nach Bildern gelungener pädagogischer Praxis Ausschau zu halten, müsste es in erster Linie darum gehen, die blinden Flecken unserer Disziplin [der Erziehungswissenschaften, H.S.] zu erhellen – also jene Themen zum Gegenstand zu machen, die wir geflissentlich übersehen.» (Rieger-Ladich 2014, 362) Und Hans-Ulrich Grunder hält das Entwerfen von positiven Lehrerinnen- und Lehrerbildern durch literarisch Schreibende ohne weitere Begründung für «vermutlich spannungslos und literarisch uninteressant» (Grunder 1999, 8).