Arno Camenisch

 

 

 

 

 Arno Camenisch (*1978) bildete sich zum Lehrer aus und unterrichtete mehrere Jahre an der Schweizer Schule in Madrid. Er absolvierte den Studiengang für literarisches Schreiben an der Hochschule der Künste in Biel. Er schreibt Prosa, Lyrik und Bühnenstücke. Seine Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Romane haben meistens ein ausgeprägtes Bündner Lokalkolorit (Arno Camenisch schreibt auch auf Romanisch). 

Kontext


Herr Anselm ist ein 33jähriger Hauswart an einer Dorfschule in der Surselva, der die Schliessung bevorsteht. Er kommt aushilfsweise zum Einsatz, wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin ausfällt. In einem einzigen grossen Monolog richtet er sich an seine geliebte verstorbene Frau und erzählt von einer Welt, die verschwindet.

Text

(…) Er summt ein Lied und geht über den Kies und steht mit den Händen in den Hosentaschen vor die Mauer hin, mhm, hier lernen die Kinder das Scheitern, sagt er und nickt, oh jo, das muss gelernt sein, das Scheitern ist nämlich eine Kunst für sich. Wie diese Turnerinnen da im Fernsehen, wenn sie am Reck ihre Überschläge machen, man will gar nicht wissen, wie oft die auf die Nase gefallen sind, bis sie endlich die Stange erwischt haben, da fällt man nach dem Salto ein Dutzend Mal an der Stange vorbei runter auf die Matten, padamf, runter kommt eben alles, das ist Physik, auf eine Bauchlandung folgt eine nächste, bis man endlich diese khoga Stange erwischt. Schlimm ist das Scheitern nur, wenn man das Stürzen nie gelernt hat, dann bricht man sich nämlich das Genick. Das Stürzen ist das erste, was die Kinder lernen müssen und das lernt man eben in der Schule, zum Glück, man stelle sich vor, in der Schule sei immer nur alles guat und recht, und dann gehst du raus ins Leben und fällst das erste Mal auf die Nase, ja, das schlägt dir dann so heftig aufs Gemüt, dass es dir gleich den Glauben in zwei Stücke bricht. Nachdem ihnen eba öppis fünf Mal nicht gelungen ist und dann plötzlich gelingt, haben sie nämlich einen huara Plausch, wir sind ja keine Maschinen. Aber das Scheitern ist nicht mehr en vogue, heute müsste jeder gleich sofort den doppelten Rittberger hinlegen.

Gut, grad zum Hobby sollte man sich das Scheitern auch nicht machen, wie der Benedict, also dem ist jetzt schon ziemlich alles schiefgegangen im Leben, also denn zimli alles, man meinte fast, der habe das Scheitern abonniert wie andere ein Heftli bei der Margrit vom Kiosk. Dafür war er aber der Erste, der in der Schule einen dieser modernen Taschenrechner hatte, dass alle gestaunt haben, was für ein schönes Grätli der da plötzlich auf dem Pult stehen hatte, dass wir alle in der Nacht davon träumten, auch so eine Maschine zu haben, bei der man einfach die Zahlen eintippen konnte und das Resultat, padimf, auf der Anzeige aufblinkte, und denn in einem Tempo oho, und die Weihnachten darauf hatten denn alle auch so ein gschides Grätli unter dem Baum, das einem die Rechnungen kalkulierte, dass man sie nur noch ins Heft schreiben musste und doppelt unterstreichen mit dem Lineal. Das kam einem grad so vor, als sei man in der Zukunft angekommen. Aber es sind afängs eigenartige Zeiten, meinte man, denen wir Steuerbord voraus entgegenfahren, denke ich mir manchmal, wenn ich auf meiner Runde mit dem Besen an den Maschinen hinten im Schulzimmer vorbeikomme, die mit dem Satelliten oben im Himmel verbunden sind. Wenn denn jeder so ein Grätli im Hosensack hat, das andauernd surrt und piepst und einem sagt, was man zu tun hat und was nicht, was man zu essen hat und was nicht, da wird man ja ganz plemplem oben im Kopf von den vielen Befehlen, die einem der Himmel gibt, sagt er und schaut in die Wolken. Der Benedict war dann auch der erste im Tal, der eine dieser Maschinen in der Garage hatte, die flimmerte und Geräusche machte wie ein Raumschiff, nur, dass ihm dann die Garage explodiert ist. (…)

Camenisch 2019, 79-81

Fragen zur Diskussion

1. Was halten Sie von der These von Herrn Anselm, dass in der Schule weniger das Erfolgreich-Sein als vielmehr das Scheitern gelernt werden soll? 

2. Welche Eigenschaften kennzeichnen dieses Scheitern gemäss dem Text? 

3. Welche Auswirkungen werden den Smartphones zugeschrieben? Wie stellen Sie sich dazu? 

4. Welcher Umgang der Lehrpersonen mit dem Gebrauch der Smartphones der Schüler in der Schule scheint Ihnen ratsam? 

5. Welche Bedeutung haben wohl die dialektalen Einsprengsel im Text? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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