Peter Bichsel

Peter Bichsel (*1935) besuchte das Lehrerinnen- und Lehrerseminar Solothurn und war von 1955-1968 als Primarlehrer tätig. 1965 machte er mit der Kurzgeschichte «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» Furore. 1968 erschienen die ersten von Hunderten von Kolumnen, seinem Hauptwerk, die ihn zu einem der bekanntesten Schweizer Gegenwartsautoren machten. Immer wieder behandeln sie aus einer pointiert gesellschaftskritischen Sicht Themen von Schule, Bildung und Erziehung. Daneben profilierte er sich auch als Essayist und Redner. Von 1974 – 1981 war er Berater und Redenschreiber von Bundesrat Willi Ritschard.

Kontext


Der Text ist ein Ausschnitt aus einem Essay, den Peter Bichsel 1969 veröffentlichte – also kurz nach seinem Ausstieg aus der Lehrtätigkeit. 

Text

 

 (…) Kürzlich machte ich in Deutschland eine Radioaufnahme mit Kindern, und ich versuchte, so wenig wie möglich den Lehrer zu spielen. Als ich das Band abhörte, erschrak ich sehr. Ich hatte mir als Lehrer eine fürchterliche Unart angewöhnt. Sozusagen jede Antwort eines Kindes wiederholte ich in irgendeiner Form, meistens sogar in derselben, die das Kind gebrauchte.

Ich bin also in der Schule so autoritär geworden, dass ein Satz erst dann gültig ist, wenn ich, der Lehrer, ihn ausgesprochen und damit bestätigt habe. Der Satz des Kindes ist damit nur ein unverbindlicher Vorschlag, ein Gespräch mit dem Kind ist verunmöglicht, seine Beteiligung am Lernvorgang eine Farce.

Ich habe einmal in einer Primarschulklasse einen Schülerstreik erlebt. Ich wollte mit den Schülern eine Pflanze durchnehmen und hatte mich darauf nicht vorbereitet. Das sah dann so aus, dass ich wortreich meine Unkenntnisse überbrückte, ab und zu zum Pult ging und im Naturkundebuch nachlas. In der Klasse saß ein aufgeweckter Schüler, der sich sehr für Naturkunde interessierte, der zum Beispiel ein beachtliches Herbarium zusammengetragen hatte. Dass er ein bisschen unter Jähzorn litt, sei zum besseren Verständnis erwähnt. Jedenfalls sprang er plötzlich hoch, schimpfte etwas und verließ das Zimmer. Mir war klar, weshalb.

Ich brach nun meinen erbärmlichen Vortrag ab und befragte meine Schüler, was sie über das Verhalten ihres Mitschülers dächten. Das Resultat der Befragung war beschämend. Ohne Ausnahme verurteilten sie den Schüler und stellten sich auf die Seite von mir und meinem langweiligen Unterricht. Ich wusste nun, was weder Schüler noch Eltern von mir glaubten, dass ich ein autoritärer Lehrer war oder, um es mit den Worten Albin Zollingers zu sagen: »... keineswegs etwa durch das Mittel des Prügelstocks; so augenfällig stellte sich das nicht dar.«

Nun, ich musste den streikenden Schüler vor seinen autoritätsgläubigen Kameraden in Schutz nehmen. Er war im Recht, und als er zurückkam, musste ich mich entschuldigen. 

Meine Entschuldigung würde allerdings in Lehrerkreisen mehrheitlich verurteilt. Ich hatte eindeutig einen schwerwiegenden Autoritätsverlust erlitten. Er wirkte sich zugunsten der Schüler aus, ich musste mich besser vorbereiten und Autorität durch Arbeit ersetzen. (…)

Bichsel 1985 (Nachdruck), 25-26



Fragen zur Diskussion

1.Wie definiert Bichsel die «Autorität» des Lehrers / der Lehrerin? 

2. Wie wirkt so verstandene Autorität auf die Schülerinnen und Schüler? 

3. Was halten Sie vom Entscheid des Schülers, unter den gegebenen Umständen den Unterricht zu verlassen, und was vom Entscheid der verbleibenden Schülerinnen und Schüler in der Klasse, sich gegen diesen Schüler zu stellen?

4. Inwiefern halten Sie die Entschuldigung des Lehrers beim Schüler für gerechtfertigt und angemessen? 

5.Aufgrund welcher formalen Gestaltung liest sich der Text leicht, ist er attraktiv? 

6.In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Kompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

 

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