Viola Rohner

 

 

 

Viola Rohner (*1962) studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften und Psychologie. Sie war tätig als Literaturveranstalterin und als Redaktorin der Literaturzeitschrift «entwürfe». Sie arbeitet als Gymnasiallehrerin für Deutsch an der Kantonsschule Baden und leitet an der Volkshochschule Zürich den Lehrgang «Literarisches Schreiben». Neben Prosa schreibt sie auch Theaterstücke, auch für Kinder und Jugendliche. 

Kontext


«Unkraut» ist das Erstlingswerk von Viola Rohner. In einem Dorf an der Zürcher Goldküste in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unterrichtet eine junge Lehrerin verwöhnte Jugendliche. Als diese sich über die Lektüre im Deutschunterricht beklagen, liest sie mit ihnen ein Buch, in dem in ungeschminkter Sprache Themen wie Sexualität, Militärkritik und Auflehnung gegen die Eltern vorkommen. Die Schulbehörde diskreditiert die Lehrerin als «Kommunistin» und erzwingt ihre Suspendierung in einer Volksabstimmung. Insbesondere ihre Schülerin Theresa ist mit der Entlassung der Lehrerin nicht einverstanden.

Text

 

(…) Bereits hat die ganze Familie von Theresa das Wahlergebnis am Radio gehört. Die Lehrerin hat die Wahl verloren. Sie wird das Dorf verlassen müssen und wird keine Stelle als Lehrerin mehr finden; wie eine blanke Fläche wird die Zukunft vor ihr erscheinen. Sie hat den Kampf verloren, aber auch Theresa hat den Kampf verloren und ihre Eltern und mit ihnen viele Schülerinnen und Schüler und deren Eltern, die sich für die Lehrerin eingesetzt haben.

Theresas Vater steht auf dem Balkon und raucht eine Zigarette nach der anderen und schnippt die Zigarettenkippen auf die darunterliegende Seestrasse. Hinter der Balkontüre sitzen die Mutter und Theresa auf dem Sofa im Wohnzimmer. Die Mutter gestikuliert mit ihren Händen vor Theresas Gesicht. Ihre Hände sind die Äste eines Baumes, durch die der Wind streicht. Theresa aber spürt nichts, keinen Lufthauch und keine Bewegung. Längst ist sie in eine andere Welt entschwunden, eine bessere Welt. In ihr regieren die Lehrerin und ihre Schülerinnen und Schüler. Niemand kann der Lehrerin dort mehr etwas antun. Sie ist in Sicherheit.

Die wirkliche Welt aber ist die Natur und zu ihr gehört auch die Natur des Menschen, das sagt die Mutter von Theresa mit ihren Händen. Und in diese Welt will sie ihre Tochter zurückholen. Sie ist selbst eine ehemalige Lehrerin, die weiss, wovon sie spricht. Der Lehrerin wirft sie Naivität vor. Das BUCH ist keine Lektüre für das Dorf, sagt sie, denn das Dorf dreht sich im Kreis. Immer um sich selbst. Im Dorf kann eine Lektüre wie das BUCH nichts bewirken. Es wird nicht verdaut, es wird ausgespien. Auch die Lehrerin wird vom Dorf bald ausgespien.

In den Kinderbüchern, die die Mutter von Theresa seit ein paar Jahren schreibt, sind die Kleinen immer die Stärkeren. Sie sind stark, weil sie an ihre eigene Kraft glauben und ihren eigenen Weg gehen. Die Mutter von Theresa will den Kindern mit ihren Büchern Mut machen. Sie hat vom nationalen Jugendbuchinstitut sogar einen Preis bekommen. Den Erwachsenen gefallen solche Bücher wie die Bücher von Theresas Mutter. Sie möchten alle, dass ihre Kinder einmal so groß und stark und listig wie die kleinen Bären in den Büchern von Theresas Mutter werden. Es freut sie, wie diese tollpatschigen Kleinen die Grossen an der Nase herumführen. Immer gewinnen sie am Schluss. Von ihren eigenen Kindern wollen sie aber nicht an der Nase herumgeführt werden, denn ihre eigenen Kinder sind keine Kinderbuchkinder, die in einer Fantasiewelt leben. Sie leben in der richtigen Welt und müssen lernen, sich unterzuordnen.

 Zu Theresa sagt die Mutter, dass man die richtige Welt von innen verändern muss. Nicht von aussen, nicht mit Diskussionen, nicht mit Lärm. Bei den Kindern muss man beginnen. Die Lehrerin hat zu viel Lärm gemacht, deshalb muss sie das Dorf verlassen. Es wäre besser, sie würde selber Kinder haben, dann würde sie einen Erfolg sehen. Sie streicht ihrer Tochter über ihr langes, braunes Haar und über die Wangen. Ihre Hände sind warm und voller Liebe, aber die Liebe dringt nicht ein in das Gesicht ihres Kindes; es bleibt versteinert. 

Jahre später wird Theresa die Lehrerin noch einmal treffen, in der Stadt, während der Jugendunruhen. Die Jugendlichen wollen zeigen, dass es sie gibt und dass ihnen auch etwas gehört von der Stadt, nicht nur der Wald rund um die Stadt und die Sportanlagen. Die Lehrerin geht mitten unter ihnen, als wäre sie selbst eine Schülerin und nicht eine Lehrerin. Das Gesicht der Lehrerin aber, das immer fröhlich war und lustig, ist jetzt ganz hart. Es sieht aus wie das Gesicht von Theresa, das hinter einem großen Tuch verborgen liegt, nur die Augen sind sichtbar. Die Lehrerin selbst trägt kein Tuch, weil sie nichts zu verlieren hat. Theresa aber wird bald die Matura machen. So kurz vor dem Ziel darf ihr kein Fehler passieren, das hat sie gelernt am Beispiel der Lehrerin.

An ihrer Tasche hat die Lehrerin ihre Schülerin wiedererkannt. Es ist eine indianische Umhängetasche. Die Lehrerin gibt Theresa die Hand, es freut sie, dass Theresa da ist, sagt sie, vielleicht hat sie mit ihrem Unterricht doch etwas bewirkt. Theresa zuckt zusammen, als würde ein Geist zu ihr sprechen, denn sie hat geglaubt, dass die Lehrerin tot ist. Jetzt ist die Lehrerin auferstanden als eine Schülerin, die ihr die Hand gibt. Gemeinsam gehen sie ein Stück weit durch die Straßen der Stadt. 

Rohner 2002, 128-131

Fragen zur Diskussion

1. Inwiefern reagieren die Mutter, selber ehemalige Primarlehrerin, und ihre Tochter Theresa, Gymnasiastin und Schülerin der Lehrerin, unterschiedlich auf die Mitteilung von der Abwahl der Lehrerin? Welche «Lebensrezepte» versucht die Mutter ihrer Tochter bei dieser Gelegenheit zu vermitteln? 

2. Warum bleibt die Lehrerin namenlos? 

3. Wie werden Kinderbücher charakterisiert? Inwiefern sind Sie nach Ihrer Erfahrung mit dieser Charakterisierung einverstanden? 

4. Es kommt zu einer Wiederbegegnung zwischen der Lehrerin und Theresa anlässlich der Proteste bei den sogenannten Jugendunruhen. Wie haben sich die beiden seit der Nachricht der Entlassung der Lehrerin weiterentwickelt? 

5. Das Buch «Unkraut» erschien im Jahr 2002 und behandelt Ereignisse aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Inwiefern behält es heute seine Aktualität? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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