Silvio Blatter 

Silvio Blatter (*1946) stammt aus dem Freiamt im Kanton Aargau. Nach dem Seminar war er sechs Jahre als Primarlehrer in Aarau tätig und absolvierte darauf ein Germanistikstudium. Seit 1976 ist er freier Schriftsteller und widmet sich auch der Malerei. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungen.

Kontext

Der Roman «Zunehmendes Heimweh», aus dem die Szene stammt, ist der erste Teil der «Freiämter Trilogie», die Silvio Blatter bekannt gemacht hat (es folgten «Kein schöner Land», 1983, und «Das sanfte Gesetz», 1988). Die drei Romane sind durch die darin auftretenden Figuren und den Handlungsort miteinander verbunden. Einer der Protagonisten im Roman «Zunehmendes Heimweh» ist der Lehrer Hans Villiger, der nach längerem Aufenthalt im Ausland ins Freiamt zurückkehrt und dort eine Zeitlang Lur Heggli in seiner Klasse unterrichtet. Dieser ist in höchst prekären Familienverhältnissen aufgewachsen, seine Kameraden mobben ihn, und er wird schliesslich kriminell (Diebestouren, Androhung von Gewalt). Er bricht aus dem Gefängnis aus, in das man ihn gesteckt hat, und wird im «Murimoos» Teil einer Gruppe von Outcasts. In die Enge getrieben, sucht er im Textausschnitt seinen ehemaligen Lehrer auf. Am Ende wird er - obwohl eigentlich entschlossen, sich zu stellen - auf der Flucht mit dem Motorrad von der Polizei angeschossen und ins Spital verbracht. Der Roman endet mit dem Wort «Zuversicht», das Hans Villiger in den Sinn kommt, als er erfährt, dass Lur nicht lebensgefährlich verletzt ist.  

Text

(…) Sie haben mich im Murimoos erkannt, fragte Lur und nahm einen Schluck von dem angebotenen Tee; ihn verlangte nach dem heißen Getränk; nach Wärme. Den Schnaps ließ er noch unberührt; beide Hände schloss er um die heiße Tasse.

 Ja, sagte Hans Villiger, es war das erste Wort, das er zu Lur sagte, und dabei dünkte es ihn, sie hätten schon lange miteinander geredet.

Aber sie haben mich nicht verpfiffen?

Hans Villiger stopfte die ausgelöschte Pfeife nach, die Asche fiel in sich zusammen, er riss ein Streichholz an und strich es über den Pfeifenkopf, blies es aus und redete in die Schwaden hinein, stockend, weil er die Pfeife richtig in Brand saugen musste. Nein! Warum hätte ich es tun sollen? Ich bin kein Polizist!

Weil Sie mich nicht verpfiffen haben, sagte Lur, bin ich gekommen. Er sprach leise, so, als würde er sich seines Zutrauens, das er bekundet hatte, und das ihn selber verwunderte, bereits schämen und auch schon darüber nachdenken, ob es nicht doch ein Fehler war, dass er diesen Lehrer aufgesucht hatte. Nun trank er auch Schnaps, leerte das Glas in kleinen Nippschlücken, aber ohne es wieder abzustellen, etwas hastig und nervös.

Hans Villiger setzte sich zu ihm an den Tisch, schaute ihm ins Gesicht und sagte: Und jetzt weißt du nicht mehr weiter?

Es war selbstverständlich, dass er Lur duzte. Es ging jetzt nicht um Förmlichkeiten. Da saß einer in der Tinte, und er musste wenigstens versuchen, ihm zu helfen.

Jetzt bist du am Ende, wandte er sich wieder an Lur, der keine Antwort gegeben hatte. Hans Villiger wollte ganz hart sein, um ihm keine falschen Hoffnungen zu machen: Es ist knochenkalt. Du kannst in der Gegend nirgends mehr hin, und wohin du sonst gehen könntest, weisst du ebenfalls nicht. Du hast dich herumgetrieben, zur Kälte kam der Hunger. Die Angst ist nie gewichen.

Lur legte die Hände auf den Tisch, sie zitterten ein wenig: Ich habe in Merenschwand geschlafen, zweimal in der Kammer meiner Großeltern, einmal in der alten Apotheke, dann in einer Waldhütte, sagte Lur und schaute Hans Villiger ins Gesicht. Und überall, fing Hans Villiger wieder an, hat man dich gesucht und verfolgt. Gehetzt. Alle haben sich gegen dich gestellt. So wenigstens hast du es empfunden.

Hans Villiger stand auf und ging zum Kühlschrank. Als er an den Tisch zurückkam, brachte er Käse, Butter, Speck und Brot. Iss, sagte er zu Lur.

Du hast das Gefühl, fuhr er fort, während Lur begierig von den Speisen ass, alles laufe gegen dich. Alle springen dich an, aber du bist nicht hart genug, sie abprallen zu lassen.

Verstehst du, fügte Lur hinzu, und es fiel ihm leicht, Hans Villiger zu duzen, für alles muss ich den Kopf hinhalten. Für alles, was man mir zumutet. Ich bin schon verurteilt, bevor ich etwas getan habe.

Du hast den Hals in der Schlinge, sagte Hans Villiger, du fürchtest, dass sie zugezogen werden könnte, und du weisst, dass sie einmal zugezogen wird. Wie der Aff in der Mondkapsel, kommst du dir vor. Hilflos und ausgesetzt.

Früher hast du dich immer mit Gewalt gewehrt, wenn du geglaubt hast, es habe dir einer ein Unrecht getan. Und zur Gewalt, die du erfahren hast, ist immer ein Gewalttäter gekommen, wie du selbst auch einer warst.

Aber jetzt ist das Ganze Gewalt, sagte Lur. Es treibt einem die Angst in den Bauch. Ich hätte nach Frankfurt abhauen sollen.

Nach Frankfurt, lachte Hans Villiger, in Frankfurt werden deine Probleme auch nicht gelöst.

Lur versteckte sich hinter seinem Schweigen. Hans Villiger liess ihm Zeit. Nochmals schnitt sich Lur eine Scheibe Brot ab, entrindete den Käse und ass mit einem Heißhunger, der nicht nachlassen wollte. Warum war er nicht nach Frankfurt gefahren? Mindestens den Versuch hätte er wagen können. Er fand keine Antwort. Hier kannte er die Dörfer, Bremgarten, die Menschen.

Plötzlich sagte er zu Hans Villiger: Du hast recht, hier weiss ich wenigstens, was ich von den Leuten erwarten kann. Nämlich nichts. 

Das wäre mindestens ein Ansatz, ging Hans Villiger auf ihn ein. Bei Null kannst du anfangen. Er bot Lur eine Zigarette an, er hatte in der Schublade ein Päckchen für Besucher. Als er Lur die Streichhölzer reichte, wusste er, dass er ihm nicht helfen konnte, und sagte: Du kannst dich nicht gegen das Recht stellen, auch wenn es unmenschlich ist, du hast keine Chance. Stell dich der Polizei!

(…)

Du musst dich stellen, damit du bei Null anfangen kannst. Das ist immerhin eine Möglichkeit.

Hast du keinen Vater, der dir dabei helfen kann? Hans Villiger fragte ahnungslos, um die entstandene Pause zu füllen und das Schweigen zu lösen, das im Zimmer tickte und in das Lur sich sonst eingepuppt hätte, wie in einen Mantel, der Schutz vorgab und nichts als Kälte war. 

Fünfzehnjährig war Lur, eben der Schule entlassen, er entsann sich genau, Hilfsarbeiter in einer Kunststofffabrik, noch zu jung, um die Lehre beginnen zu können. Er verfügte über eigenes Geld und gab es nach seinen Vorstellungen aus, nicht nach den Wünschen des Vormunds.

Es war Herbst, auf den Straßen lag das mürbe Laub. Da suchte Lur zum ersten Mal nach dem Mann, der sein Vater war. Ein Jenischer war mit einem Wägelchen, auf das ein Schleifstein montiert war, durch die Straßen gezogen, hatte an den Hausglocken geläutet und die aus den Fenstern schauenden Frauen um Scheren und Messer gefragt, die er für sie schärfen wollte. Lur sah den Wagen vor einem Wirtshaus stehen. Es war in Wohlen. Und sofort hatte er gedacht: in der Gaststube muss mein Vater sitzen.

Der Vormund hatte ihm bisher jeden Kontakt zu dem ihm ohnehin unbekannten Mann untersagt; die Mutter verschwieg ihn beharrlich, die Grosseltern hätten ihn aus dem Haus gewiesen, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, seinen Sohn einmal sehen zu wollen. Doch das war ihm gar nie in den Sinn gekommen.

Lur stand vor dem Wagen und befühlte den rauhen Schleifstein; er registrierte die Schäbigkeit. Die Wagendeichsel war mehrfach zusammengeflickt, die Räder waren beschädigt.

Lur fasste Mut, es fiel ihm nicht leicht. Er stieg die wenigen Stufen zur Wirtschaft hoch und betrat die Gaststube.

Schummriges Dunkel. Das helle Tageslicht lag ihm noch in den Augen; er musste einen Augenblick lang in der Mitte des Raumes stehenbleiben, bevor er sich zurechtfinden konnte. Hinter der Theke stand die Serviertochter und trocknete Gläser. Ein Radio spielte. Außer seinem Vater sass kein Gast in der Wirtsstube, und sein Vater schaute nicht auf.

Lur fasste sich ein Herz und ging auf ihn zu, fragte aus Verlegenheit, ob nicht ein Platz frei sei. Dabei waren alle Plätze frei. Dann setzte er sich dem Mann gegenüber, der nicht einmal genickt hatte. Das war also sein Vater; er sass vor einem Glas Kaffee-Luz, hatte die Arme auf den Tisch gelegt, kaute an einem Stumpen, redete nicht.

Auch Lur fand keine Worte für ein Gespräch. Er fing an, von den Blättern auf der Straße zu reden, die dem Wagen in die Speichen geraten konnten und die Nabe verschmutzten. Dem Mann war das gleichgültig. Immerhin zuckte er mit den Achseln. Lur fragte nach den Geschäften. Der Vater winkte nur ab; darüber verlor er kein Wort.

Die Serviertochter kam an den Tisch; Lur bestellte eine Flasche Bier und fragte den Mann, ob er ihn einladen und ihm einen Kaffee offerieren dürfe.

Doch dieser verneinte. Seinen Kaffee könne er immer noch selber bezahlen, und den Schnaps ebenso. Dann bestellte er Kaffee-Luz bei der Serviertochter und starrte wieder vor sich hin. Er trug eine abgewetzte Jacke und ein kragenloses Hemd mit einem großen Flicken auf der Brust. Rasiert war er nicht; sein Haar eisengrau. Er war von kräftiger Postur, hatte grosse Hände, die das ganze Kaffeeglas umschlossen, und im Mund gelbliche, schadhafte Zähne. Seine Nase war scharf gebogen und etwas zu lang; die Stirn hatte tief eingegrabene Falten, sein Adamsapfel war kolbenhaft und bewegte sich rasch auf und ab, wenn er trank.

Betrunken war der Vater nicht, auch wenn er bestimmt schon einige Zeit in der Wirtsstube sass und schon mehrere Schnäpse getrunken haben mochte. Aber er war unansprechbar. Auch für einen Sohn, den er nicht einmal kannte, und Lur war bei dieser Begegnung nicht über ein Sie hinausgekommen.

Dieser Mann war sein Vater, aber sonst nichts. Er hatte mit seiner Mutter geschlafen, das war schon ein Fehler, und ihr ein Kind gemacht. Dieser Fehltritt sass nun leibhaftig als Sohn vor einem fremden Mann, den er gerne Vater genannt hätte. Aber dies, wusste Lur, wäre nun wieder sein Fehler gewesen. An eigene Fehler wiederum wollte dieser Mann bestimmt nicht erinnert werden. Lur trank, und doch suchte er im Gesicht des Vaters eigene Züge, Verwandtes. Er konnte es nicht finden. Blut zählt nicht, dachte er, es könnte auch ein anderer gewesen sein. Dieser Kerl war ja nicht der einzige Jenische, der als Messerschleifer herumzog. Lur hätte ihn jetzt nach seiner Klarinette fragen können, und ob er nicht früher manchmal an Samstagen und Sonntagen zum Tanz aufgespielt habe; doch er verschanzte sich hinter Bierglas und Schweigen. Der Vater hätte ihm vielleicht von diesen Tanzabenden, von seiner Klarinette und den Mädchen erzählt, auch von den Augen der Mädchen, von denen eines seine Mutter gewesen war. Damals war er jung, dieser Mann, dieser Vater, hatte schwarzes Haar und verstand es, Musik zu machen, die den Mädchen gefiel wie der dunkle Glanz in seinen Augen, wie sein Gesicht, in dem noch nicht der Zerfall gewohnt hatte.

So jedenfalls malte er sich das aus. Ein Grund mehr zu schweigen.
 

Dann bezahlte er, ging grusslos, und auch der Mann grüsste nicht.

An diesem Tag hatte er sich erstmals betrunken.

Nein, einen Vater hatte Lur nicht. (…)

Blatter 1978, 315-321

Fragen zur Diskussion

1. Wie lässt sich das Verhältnis zwischen dem Lehrer Hans Villiger und dem straffälligen Schüler Lur aufgrund des Dialogs in Villigers Wohnung kennzeichnen? 

2. Was halten Sie von der Art und Weise, wie Villiger das Gespräch mit Lur gestaltet?

3. Wie begründet Villiger seinen Ratschlag an Lur, sich zu stellen? 

4. Welche Handlungsalternativen hätten sich für Villiger mit welchen Wirkungen ergeben?

5. Inwiefern scheint Ihnen die Herleitung von Lurs Aussenseitertum und Straffälligkeit aufgrund seiner unglücklichen Beziehung zum Vater plausibel? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

 

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