Christian Haller

 

 

 

 

Christian Haller (*1943) bildete sich als Lehrer aus, studierte Zoologie, war während acht Jahren Bereichsleiter für «Soziale Studien» am Gottlieb-Duttweiler-Institut und während vier Jahren Dramaturg am Theater «Claque» in Baden. Seit den 1990er Jahren veröffentlicht er zahlreiche Erzählungen, Romane, Gedichte und einige Theaterstücke. Er sichtete und sicherte den Nachlass des Schweizer Schriftstellers Adrien Turel.

Kontext


Der Roman «Das unaufhaltsame Fliessen» bildet nach dem Roman «Die verborgenen Ufer» (2015) und vor dem Roman «Flussabwärts gegen den Strom» (2020) den zweiten Teil der dreiteiligen Autobiographie von Christian Haller. Er behandelt die Phase vom Ende der Schulzeit bis zur freiwilligen Kündigung am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Der Textausschnitt schildert den Einsatz des Ich-Erzählers als junger Aushilfslehrer in einem Aargauer Dorf. Er ist bereits mit eigenen literarischen Projekten beschäftigt und verzichtet nach dieser Episode auf eine weitere Tätigkeit als Volksschullehrer.

Text

(…) Ich hatte mich für eine dritte Primarklasse beworben, doch der Rektor bat mich inständig, die sechste bis achte Klasse der Gesamtschule in Hinterwil zu übernehmen. Sie fänden keine Lehrperson, und er müsse mir gestehen, dass dies einen Grund habe. Die Klasse sei schwierig, der bisherige Lehrer habe Mühe mit der Disziplin gehabt, und er wolle mir nicht verhehlen, dass es zu hässlichen Szenen gekommen sei. 

(…)

Je näher der Tag des Schulbeginns rückte, desto unwohler fühlte ich mich. Weshalb nur hatte ich mich einverstanden erklärt, eine so schwierige Klasse zu übernehmen. Ich hatte kaum Unterrichtserfahrungen und war in Rheinfelden mit meiner Art der Schulführung gescheitert. Wie sollte ich den vierzig Schülern gewachsen sein, die es vermutlich darauf anlegten, mich genauso zur Verzweiflung zu bringen wie meinen Vorgänger? 

(…)

Am ersten Unterrichtstag hatte sich die gesamte Schulpflege eingefunden, um mich zu unterstützen. Die Damen und Herren standen seitlich vor den Fenstern, hatten strenge Mienen aufgesetzt, und ich stand neben dem Pult, blickte durch die Reihen, sah den einen leeren Platz, den man mir bereits vorausgesagt hatte. Er gehörte dem Rotschopf, den der Rektor als den »Schlimmsten« bezeichnet hatte, er werde bestimmt zu spät kommen, und ich müsse dann sofort und von Anfang an »durchgreifen«. Als es nach einer halben Stunde klopfte, bemerkte ich zwei verschiedenartige Blicke, die auf mich gerichtet waren. Die Blicke der Damen und Herren der Schulpflege, die mir zu verstehen gaben, es sei jetzt der Moment gekommen, den sie mir vorausgesagt hätten, der Rotschopf stehe vor der Tür, den es zu massregeln gelte; und die Blicke der Schüler, schadenfreudig leuchtend, die ebenfalls auf diesen Moment eines ersten Spektakels gewartet hatten. Ich schritt durch die Bankreihen zur Tür, ohne zu wissen, wie ich reagieren sollte, ein beobachteter Gang durch eine angespannte Stille. Ich drückte die Klinke, zog die Tür auf. Im Dunkel des Flurs stand der Junge, ein schiefes Grinsen im Gesicht. Er habe nicht gewusst, dass die Schule bereits um acht Uhr beginne, und ich sah, wie viel Mut er zu der Lüge brauchte. Er war sie seinem Ruf schuldig, doch wie er dastand, eine schmächtige Gestalt, von den Fenstern des Schulzimmers her schwach erhellt, drückte weniger Widerspenstigkeit als Hilflosigkeit aus. Das eine Bein war vorgestellt, der Oberkörper zurückgebogen, als wolle er ausweichen, und steif und gerade hielt er die Arme seitlich gestreckt. So stand keiner da, der seiner selbst sicher, keiner, der einen Kampf gewinnen konnte.

Ich weiß, du bist Niggi, sagte ich, und streckte ihm die Hand hin, ich bin dein neuer Lehrer. Komm rein und setz dich.

Ich begleitete ihn an seinen Platz, fuhr mit dem Unterricht fort, und die Blicke hatten sich verändert. Die Damen und Herren der Schulpflege schauten mich überrascht und irritiert an, die Blicke der Schüler aber waren wie erloschen, der aufleuchtende Glanz beim Klopfen an der Tür war verschwunden, und eine stumpfe Müdigkeit war in die Augenpaare gekommen. 

(…)

Das Erlebnis mit dem Rotschopf bewog mich, die Tür des Schulzimmers bis zum Unterrichtsbeginn geschlossen zu halten, sie erst mit dem Glockenzeichen zu öffnen und jeden einzelnen Schüler mit Handschlag zu begrüßen. Ich merkte, wie entscheidend für die folgenden Stunden dieser Moment war: die Art und Weise, wie ich den Mädchen und Jungen entgegentrat, nahmen sie unbewusst, doch mit feinen Antennen wahr. Hatte ich schlecht geschlafen oder war mit meiner frühmorgendlichen Arbeit nicht zufrieden, spürten sie dies sofort, suchten nach Lücken oder Sprüngen in meinem Auftreten, um einzudringen und die Autoritätsperson, die in Jackett und gebügelter Hose vor ihnen stand, aufzusprengen. Ich begann die Wirkung meiner Haltung und die Verwendung »symbolischer Gesten» zu untersuchen. So setzte ich mich sehr gerade ans Pult, hielt den Zeigestab der Wandtafel senkrecht auf die Pultplatte gesetzt, dass er zu einem Herrscherstab, zum Zeichen von Autorität und Würde wurde. Was, wenn ich ihn ablegte? Veränderte sich das Schülerbild vor mir? Und was würde geschehen, wenn ich die Haltung aufgäbe, die Schultern nach vorne fallen liesse, mich nachlässig im Stuhl zurücklehnte?

An einem Morgen bemerkte ich, dass einer der »Schwierigen«, der in der Bank vor meinem Pult saß, schwere Augenlider hatte. Sein Kopf fiel ihm ruckartig vornüber. Mein Vorgänger hatte mich gewarnt. Er habe einen steten Kampf mit dem Burschen geführt, da er teilnahmslos gewesen sei, kaum einmal seine Hausaufgaben gemacht habe, ein widerspenstiger Kerl, der als Verweigerer sich ein Ansehen in der Klasse geschaffen habe. Sein Gesicht war flächig und schief, wie versehentlich mit schräg gehaltenem Prägstock geschlagen. Das dünne, blonde Haar war in fettigen Strähnen nach rechts gescheitelt, er sah blinzelnd und mit verschwimmendem Blick aus seinen grossen Augen zu mir hoch. Ich fragte ihn, ob er müde sei. Ein kleines Lachen flammte in der Klasse auf, und auch René zwang sich ein Lächeln ab, sagte »Ja«, worauf das Lachen sich verstärkte. Doch im Klang seiner Antwort schwang mehr Scham als Auflehnung mit, und ich sagte: Dann leg den Kopf auf die Bank und schlaf!

Er sah sich kurz nach seinen Kameraden um, ein hilfloses Lächeln um den Mund, dann legte er den Kopf auf die Pultplatte. Kein Lachen, nur gespannte Stille, und ich fuhr mit der Lektion fort. Ob er tatsächlich einen Moment schlief, weiß ich nicht, doch fragte ich nach der Stunde, weshalb er denn so müde sei. Er müsse zu Hause »helfen«, bis abends um zehn und morgens um halb fünf im Stall, sie hätten keinen Knecht mehr.

Wenn du zu müde bist, brauchst du keine Hausaufgaben mehr zu machen, sagte ich, und wenn dich im Unterricht der Schlaf überwältigt, leg den Kopf aufs Pult wie heute.

Bei der Kontrolle der Hausaufgaben hatte er von dem Tag an stets einen Teil geschrieben, manchmal nur zwei, drei Sätze oder eine Rechnung. Er zeigte sie mir mit einer seltsamen Schulterbewegung, kein wirkliches Zucken, doch die Bedeutung war klar und hieß: Mehr habe ich nicht geschafft. 

Dieser schiefgesichtige Junge stiess in mir eine Tür auf, die für meine frühmorgendliche Arbeit wichtig wurde: Schreib nicht an die Figuren heran, sondern aus ihnen heraus. Dank René, der mich das Einfühlen in die Lebensverhältnisse meiner Schüler gelehrt hatte, gelangte ich einen Irrgarten, der hinter den Gesichtern der Mädchen und Jungen lag. In ihm stiess ich auf Lieblosigkeit, Zurücksetzung, Demütigung und Missbrauch. Was ich erspürte, bestätigten mir die Hausbesuche, die ich machte. Da sassen Jugendliche mir gegenüber, denen man gesagt hatte, dass sie nichts taugten, es zu nichts bringen und im Dorf nie etwas gelten würden. Mir wurde klar, dass sie abgeschrieben waren und dies auch wussten, es gebe deshalb von Seiten der Eltern lediglich den Anspruch, die Rasselbande ruhigzuhalten. Lernen brauchten die nichts, und nachdem ich das begriffen hatte, fühlte ich mich nicht mehr an den Lehrplan gebunden. Ich behandelte mit ihnen den Sechstagekrieg, der eben ausgebrochen war, erklärte ihnen die geschichtlichen Wurzeln des Konflikts, redete mit ihnen über Sexualität - eine besonders düstere Kammer im Irrgarten einiger Mädchen - und als mir der Rotschopf sagte, die Dorfschüler würden sie auslachen, weil sie kein Französisch lernen dürften, setzte ich eine wöchentliche Stunde ein, lehrte sie ein paar Floskeln und Lieder, mit denen sie ihre Spötter zum Schweigen bringen konnten. Spätestens da merkte ich, dass aus meinen Untersuchungen zur »Autorität« mit Haltung und symbolischen Gesten ein Komplizentum mit Außenseitern geworden war. Dies wurde mir schlagartig bewusst, als ich an einem Morgen eine schriftliche Prüfung durchführte, Blätter mit den Aufgaben verteilt hatte und während der Stunde bemerkte, dass meine Schüler wacker schummelten und die Antworten von kleinen, vorbereiteten Zettelchen ablasen. Ich brach die Prüfung ab, sagte, so gehe das nicht, und wir würden jetzt eine Stunde halten, in der wir lernten, so zu »spicken«, dass ich als Lehrer es nicht bemerken könne. Das langsame Aufklappen des Etuis beispielsweise sei die schlechteste Variante, die einfachste und beste hätten die Mädchen. Sie müssten den Zettel unter den Rocksaum heften, den dürfe ich nämlich nie anheben. Und als ein reges Phantasieren über möglichst getarnte Arten des Schummelns begann, lachte ich über mich selbst: Ich war mit meinem schulischen Exkurs zur Autorität nur wieder bei mir selbst angelangt, nämlich bei meinem alten Vorsatz, schlauer als alle »Autorität« zu sein. (…)

Haller 2017, 61-69

Fragen zur Diskussion

1. Wie und warum unterläuft der Ich-Erzähler die Erwartungen der Schulpflege in seinem Unterricht? 

2. Wie beurteilen Sie den Umgang des Lehrers mit der Müdigkeit von René? 

3. Welche Gründe finden sich im Text für das unangepasste Verhalten des «Rotschopfs», von René und letztlich der ganzen Klasse? 

4. Welche Konsequenzen zieht der Ich-Erzählung aus der Erkenntnis dieser Gründe? Was halten Sie davon?  

5. Wie beurteilen Sie den Umgang des Ich-Erzählers mit dem Schummeln? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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