Diskussionsbeiträge

Vorschläge zur Beantwortung der Fragen zu den Texten

Prolog: Jeremias Gotthelf, „Leiden und Freuden eines Schulmeisters“, 1838

Gotthelfs Vorwort definiert einen doppelten Zweck des Romans. Er soll die Leserschaft zu mehr Verständnis gegenüber dem Stand der Schulmeister, aber auch zu mehr Strenge der Leserinnen und Leser im Urteil über sich selbst führen. Der Roman bezweckt damit sowohl eine verbesserte Fähigkeit zur Introspektion als auch eine verbesserte Fähigkeit zur Empathie. Wenn Gotthelf die Leser als „Laien“ anspricht, nimmt er bereits ein Professionsverständnis des Lehrerseins vorweg: Lehrerinnen und Lehrer stehen den Laien der Öffentlichkeit als Profis, als Expertinnen und Experten mit spezifischen Kompetenzen und einem spezifischen Berufsethos gegenüber. Das Vorwort ist insofern aktuell, als es die auch heute noch gültige Forderung erhebt, negative gesellschaftliche Vorurteile über den Lehrberuf abzubauen, und zwar durch genaues, unvoreingenommenes Hinschauen. Dabei schildert Gotthelf das eigenwillige Auftreten mancher Lehrpersonen mit einer fantasievollen Bildlichkeit - Rümpfen der Nase, Gähnen, „Schlenggen“ des Rocks –, aber nur um auf diese Weise umso plausibler behaupten zu können, dass im Herzen der Lehrerinnen und Lehrer, gleichsam unter ihrem Rock, die gleiche Menschlichkeit steckt wie bei Vertretern anderer Berufe. Hintergrund zum Roman bildet die damalige Misere im Berner Schulwesen: Klassenzimmer mit über hundert Kindern, ungeheizte Schulhäuser, langweiliger Drill durch kaum ausgebildete Lehrer, mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit der Schule, fehlende Lehrpläne und Lehrmittel. Erst der politische Umschwung nach 1830 brachte allmählich die Reform des Schulwesens als eines der zentralen Projekte der liberalen Bewegung mit sich.

Peter Bichsel, „Die Volksschule - ein Geschäft ohne Partner“, 1969

 

Für Peter Bichsel zeigt sich unangemessenes Autoritätsverhalten einer Lehrperson darin, dass sie der Weiterführung eines Klassengesprächs erst dann zustimmt, wenn sie eine Schülerantwort ausdrücklich wiederholt und bestätigt - eine didaktische Unsitte, die auch heute allenthalben anzutreffen ist. Dadurch signalisiert die Lehrperson auf paradoxe Weise Desinteresse an der Äußerung der Schülerin bzw. des Schülers, entwertet sie, verunmöglicht ein echtes Gespräch und bewirkt Demotivierung und Entmündigung. Dass die Lehrperson Verständnis aufbringt für den Schüler, der gegen die mangelhafte Unterrichtsvorbereitung in “Streik“ tritt und das Schulzimmer unter Protest verlässt, spricht für ihre Fähigkeit zur Selbstkritik und für ihr Verantwortungsbewusstsein. Allerdings hätte es wohl Alternativen gegeben zum Handeln der Lehrperson: Statt die Mitschüler zum Verhalten des „Streikenden“ zu befragen, hätte sie im Klassengespräch ihre ungenügende Unterrichtsvorbereitung eingestehen und erklären können. Ob dann noch eine Entschuldigung angemessen gewesen wäre, scheint fraglich. Jedenfalls wäre dann der vermutete Vorwurf der Kolleginnen und Kollegen hinfällig, die Lehrperson habe durch ihre Entschuldigung einen schwerwiegenden Autoritätsverlust erlitten. Dabei ist ja gerade die Fähigkeit zur Selbstkritik ein Element persönlicher Autorität. Formal erfüllt der Text alle Kriterien einer guten Kolumne: Sie erzählt auf engem Raum in Ich-Form Selbsterlebtes, das glaubhaft beansprucht, typisch zu sein, und wirkt so authentisch. 


Das Geschehen spielt sich wohl am ehesten im Handlungsfeld „Begleiten und Beurteilen der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler“ ab. Als Professionskompetenzen, die in der Szene angesprochen werden, bieten sich die Kompetenzen zur Unterrichtsplanung und Unterrichtsgestaltung sowie die Beziehungskompetenz an.

Hans Saner, „Zwischen Politik und Getto“, 1977

 

Ein Unterricht, der selbstständiges Denken fördert und zur Demokratie erzieht, gibt den Schülerinnen und Schülern viel Raum für eigene Beiträge. Er hält den Leistungs- und Notendruck in vernünftigen Grenzen, baut Gewaltbereitschaft ab, fördert Kooperation, weckt kritisches Denken und ermöglicht die Entfaltung der Persönlichkeit. Er führt die Schülerinnen und Schüler in die Mitverantwortung ein und lässt sie dadurch Leistung, Gemeinschaft und Kritik bejahen. Dem steht ein Unterrichtsstil entgegen, der Sprache wie eine Walze einsetzt, die über die Schülerinnen und Schüler hinwegfährt, belastet sie mit Leistungs- und Notendruck, unterdrückt Kritik an angemasster Autorität und übt Praktiken des Wettbewerbs ein, die Schülerinnen und Schüler in die Vereinzelung treiben. Das Offenlegen von politischen Überzeugungen einer Lehrperson gegenüber den Schülerinnen und Schülern setze voraus, dass sie selber über «realpolitische Anschauungen» verfügt, Kenntnis von bedeutsamen politischen Denkern und von soziologischen Zusammenhängen habe, ihr politisches Engagement glaubwürdig vertrete, Suggestion und Schmeichelei vermeide, sich begründet zum Anwalt von Alternativen mache und am Ziel festhalte, in den Schülerinnen und Schülern selbstständige politische Urteilsfähigkeit herauszubilden. Zur «politischen Erzieherin» werde die Lehrperson dann, wenn sie abweichende politische Meinungen ihrer Schülerinnen und Schüler zulässt, ohne doch die eigenen Meinungen zu verleugnen. Im Textausschnitt kommen Methoden der Demokratieerziehung  wenig zur Sprache, die auf einer quasi-parlamentarischen, partizipativen Gestaltung des Schullebens durch alle an der Schule Beteiligten beruhen (Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen, Schulleitende) – etwa gemäss dem Just-Community-Ansatz (vgl. Kohlberg 1986). 

Das Textgeschehen ist unter anderem im Handlungsfeld »Gestalten und Führen einer Klassengemeinschaft» angesiedelt. Drei Professionskompetenzen, die besonders zum Tragen kommen, sind die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung, die Erziehungskompetenz und die berufsethische Kompetenz. 

Silvio Blatter, „Zunehmendes Heimweh“, 1978

Der Lehrer Hans Villiger bemüht sich um Bewillkommnung und Gastfreundschaft. Er zeigt Verständnis für Lurs Situation, wodurch dieser Vertrauen zu ihm fasst. Ausdruck der sich einstellenden Vertrauensbeziehung ist das gegenseitige Sich-Duzen. Zwar fordert der Lehrer vom straffällig gewordenen Schüler, sich der Polizei zu stellen; er konfrontiert ihn aber nicht mit seinem Fehlverhalten, sondern begründet die Aufforderung damit, dass Lur sonst „keine Chance“ habe, und bezeichnet das Recht als „unmenschlich“. Villiger „verpfeift“ den Schüler nicht, weil er ihn schonen und ihm helfen will; allerdings lädt er damit auch Verantwortung für die Gefährdung auf sich, der Lur sich später aussetzt, als er sich der Polizei nicht stellt und auf der Flucht angeschossen wird. Die Begegnung des 15-jährigen Sohnes mit seinem sozial deklassierten Vater, der ihn gar nicht erkennt und dem er sich nicht zu offenbaren wagt, ist im Rückblick in einer allwissenden Perspektive erzählt, dies befördert die direkte Herleitung von Lurs Außenseitertum aus der unglücklichen Vaterbeziehung. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Vaterfigur als gesellschaftlich geächteter „jenischer“ Scherenschleifer nicht allzu stereotyp oder gar diskriminierend dargestellt ist. 


Das Textgeschehen spielt sich wohl am ehesten im Handlungsfeld „Aufbau einer tragfähigen Beziehung mit den Schülerinnen und Schülern“ ab; als Professionskompetenzen, die zur Sprache kommen, bieten sich die Beziehungskompetenz, die Kompetenz zur Begleitung und Beratung sowie die berufsethische Kompetenz an.

Peter Bichsel, „Schreiben ist nicht ohne Grund schwer“, 1979

Für Peter Bichsel ist der Rechtschreibeunterricht ein praktisches Problem, das in unserer Gesellschaft System hat. Die Rechtschreibung habe einen hohen Stellenwert, weil sie einer Schule entspreche, die um jeden Preis „Prüfbarkeit“ verlange. und weil sie gesellschaftliche Segmentierung fördere. So werde sie zum Repressionsmittel. Wer die Rechtschreibung beherrscht, gehöre zur Elite, wer sie nicht beherrscht, werde verunsichert und zum Schweigen gebracht. Allerdings finden sich im Text auch kaum haltbare Verallgemeinerungen („In der Schule wird nur Prüfbares gelernt“, „Man lernt in der Schule nicht die Sprache, sondern ihre Schwierigkeiten“ „Die Rechtschreibung ist nichts anderes als ein Repressionsmittel“, „Nicht die Grossschreibung muss man abschaffen, sondern die Rechtschreibung“, „Legasthenie ist eine Erfindung“). Diese Verallgemeinerungen mögen teilweise von Peter Bichsels eigenen existentiellen Erfahrungen mit einer mangelhaften Rechtschreibung herrühren: Hätte sein Sechstklasse-Lehrer sie in ihrer Bedeutung nicht relativiert, hätte Peter Bichsel seine Berufung verpasst und nach eigenem Bekunden den Mut nicht gefunden, Schriftsteller zu werden. Wenn er am Schluss schreibt, er meine nicht die Rechtschreibung, sondern Sprache generell, so kann man sich nach weiteren sprachlichen Herrschaftsmitteln fragen - etwa Euphemismen, indirekte Sprechakte, Passivformulierungen, die zur Verantwortungsdiffusion führen, usw.


Das Textgeschehen ist vornehmlich im Handlungsfeld „Bereitstellen von Lerngelegenheiten“ angesiedelt. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung, die Erziehungskompetenz, die berufsethische Kompetenz.

Peter Bichsel, „Wissen ist Widerstand“, 1981

 

Peter Bichsel führt die These, dass die ersten Stunden in der Schule für viele Kinder mit Enttäuschung, ja mit Beleidigungen beginnen, auf ein voreiliges Bewerten und Prüfen zurück. Dadurch gehe der natürliche, spontane Lernwille verloren. Didaktik und Methodik seien von Anfang an falsch gepolt: Man lerne in der Schule nicht Dinge, sondern man lerne zu arbeiten und sich gegen andere durchzusetzen. Diese Lektion verunmögliche die Entwicklung einer natürlichen Lernfähigkeit und Lernwilligkeit, ja sie setze Lernunwilligkeit geradezu voraus. Selektion komme zu früh zum Tragen und stehe letztlich im Dienst wirtschaftlicher Interessen. Lernwilligkeit werde durch Arbeitswilligkeit ersetzt: Es gehe darum, den Schülerinnen und Schülern ein schlechtes Gewissen zu machen, dass sie nicht genügend Arbeitswillen aufbringen. So seien die Schulen zu „Arbeitserziehungsanstalten“ geworden, die Schülerinnen und Schüler permanent überforderten. Dass Peter Bichsel am Schluss des Textes die von ihm harsch kritisierte Schule als weitgehend „alternativlos“ bezeichnet, ist überraschend, aber wohl auch einem Stück intellektueller Redlichkeit geschuldet. 


Das Textgeschehen ist wohl vor allem auf das Handlungsfeld „Fördern und Begleiten der Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Schülerinnen und Schüler“ bezogen. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Erziehungskompetenz, die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung und die berufsethische Kompetenz. 

Helen Meier, «Lichtempfindlich», 1984

Die Außenseitersituation des Sonderschülers Michael weist eine ganze Reihe von Merkmalen auf: Er erlebt Isolation und fehlende Empathie in der Familie und Konkurrenzverhalten in der Schule und hat Gewaltausbrüche. Er weist eine Sprachbehinderung auf, hat eine grobe, aggressive Wortwahl, vernachlässigt die Körperpflege. Michael sucht zunehmend die Nähe der Lehrerin, entwickelt Eifersucht auf deren Freund; umgekehrt nimmt auch die Zuwendung, die Achtsamkeit und die Fürsorglichkeit der Lehrerin für den Schüler zu. Sie interessiert sich für seine Aktivitäten (Altardienen) und seine Anliegen (Worterklärungen im Religionsunterricht). Sie schreckt nicht zurück vor körperlichen Berührungen und ist auch empfänglich für die sinnliche Präsenz von Michael. Die Hartherzigkeit des Freundes gegenüber dem Sonderschüler bringt der Lehrerin zu Bewusstsein, dass er - trotz erotischer Attraktion - der falsche Partner für sie ist. Der Titel „Lichtempfindlich“ nimmt möglicherweise Bezug auf das Motiv des Fotografierens. Die Beziehung zwischen Lehrerin und Schüler ist, wenn man sie erhellen will, lichtempfindlich. Das Fotografieren ist ambivalent: Einerseits ein Ertappt- und Blossgestelltwerden (weshalb er den Film mit den Aufnahmen zerstört, die der Vater von ihm in einer verfänglichen Situation gemacht hat), andererseits ein Festhalten des flüchtigen Schönen (wie am Schluss im Selfie mit der Lehrerin). Formal ist der Textausschnitt durch ein ständiges Hin und Her zwischen auktorialem und personalem Erzählen gekennzeichnet, welches das Verständnis für die einzelnen Figuren steigert. Der Wechsel zwischen Präsens und Präteritum schafft Raum für Reflexion. 


Das Textgeschehen liegt vor allem im Handlungsfeld „Fördern und Begleiten der Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler“. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Beziehungskompetenz, die Diagnose- und Beurteilungskompetenz und die Kompetenz im Umgang mit Belastungen.

Claudia Storz, „Geschichte mit drei Namen“, 1986

Für den guten Ausgang der Geschichte sorgt vor allem die Ich-Erzählerin, die Lehrerin. Die Verbesserung der Situation von Andres liegt ihr am Herzen. Sie interveniert offenbar geschickt und taktvoll sowohl bei Frau Lüthi als auch bei Frau Egger. Aber auch diese beiden haben ihr Verdienst am guten Ende. Sie gehen auf die Vorschläge der Lehrerin ein im Hinblick auf die verbesserten Schulleistungen von Andres in der neuen Konstellation, auf die Freundschaft zwischen Andres und René (mit einer nun sinnvollen Betätigung von Andres am Abend) und auf ein kleines Entgelt, das Frau Lüthi an Frau Egger für die Betreuung von Andres bezahlt. Insbesondere nimmt Andres‘ Vereinsamung ein Ende: Der Konsumismus, mit dem er prahlt (ein stets voller Kühlschrank, stundenlanges Fernsehen, beliebiges Ausschlafen am Morgen) als gesellschaftlich anscheinend akzeptierte Form, das Leiden an der Einsamkeit zu übertünchen, ist nicht mehr nötig. Dass die Lehrerin Wert darauflegt, möglichst bald die richtigen und vollständigen Namen der Schülerinnen und Schüler zu kennen, ist pädagogisch begründet: Schülerinnen und Schüler bei ihrem Eigennamen nennen zu können, ist für sie der Beweis für ihr Wahrgenommen-Werden als eigene, unverwechselbare Persönlichkeiten. Der Schlusssatz kann vielleicht als Hinweis darauf verstanden werden, dass trotz der günstigen Konstellation, die sich am Ende einstellt, die schwierige Familiensituation bei Lüthis noch immer nicht gelöst ist. Wäre die Geschichte nicht in Ich-, sondern in Er/Sie-Form geschrieben, so ginge ein großes Stück des Erlebnischarakters verloren und die Identifikation mit dem Geschehen und den Figuren würde erschwert. 


Das Textgeschehen ist vor allem im Handlungsfeld „Fördern und Begleiten der Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler“ angelegt. Drei Professionskompetenzen, die zum Tragen kommen, sind die Beziehungs-, die Erziehungs- und die Organisationskompetenz.

Viola Rohner, „Unkraut“, 2002

Während Theresas Vater auf die Nachricht, dass die Lehrerin in der Gemeindeabstimmung abgewählt worden ist, im Nicht-Einverständnis verstummt, beruft sich die Mutter im Gespräch mit ihrer Tochter trotz Sympathie für die Lehrerin auf den „Realitätssinn“: Die Welt müsse „von innen“ und „von unten“ her über die Erziehung der Kinder verbessert werden; die Lehrerin habe stattdessen zu viel „Lärm“ gemacht. Theresa selber erstarrt, taucht in einen Wunsch-Tagtraum ab, distanziert sich von den Ratschlägen der Mutter und lehnt deren Resonanzangebote ab. Dass die Lehrerin namenlos bleibt, kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass ihr Schicksal nicht als einzigartig, sondern als bis zu einem gewissen Grad typisch gemeint ist. In der Vorstellung der Mutter bilden Kinderbücher eine Art Gegenwelt zur realen Welt: Kinder werden da als stark, schlau und eigenwillig gezeigt - ein Verhalten, das im Alltag, der Unterordnung von ihnen verlangt, allerdings häufig sanktioniert werde. Hier lässt sich die Frage anschliessen, inwiefern zeitgenössische Kinderbücher von diesem Muster abweichen. Als sich die Lehrerin und ihre Schülerin Theresa bei einer Demonstration im Rahmen von Jugendunruhen wieder begegnen, zeigt es sich, dass beide ihren Idealen treu geblieben sind, sich aber verhärtet haben. Sie resignierten nicht, und die Lehrerin freut sich darüber, dass sie mit ihrem Unterricht, von dem sie ausgeschlossen worden war, bei Theresa im Sinn ihrer Überzeugung offenbar doch etwas Gutes bewirkt hat. Die Frage, ob auch heute, 20 Jahre nach dem Erscheinen von Viola Rohners Buch eine Entlassung einer Lehrperson unter den gegebenen Umständen vorkommen kann, eignet sich gut für eine Diskussion. 


Das Textgeschehen ist im Handlungsfeld „Einnehmen der professionellen Rolle als Lehrperson“ angesiedelt. Zur Sprache kommen als Professionskompetenzen die Reflexionskompetenz, die Begleitungs- und Beratungskompetenz und die berufsethische Kompetenz.

Roger de Weck, „Was des Lohns wert ist“, 2002

Roger de Weck beklagt die Unterschätzung der gesellschaftlichen Bedeutung der Lehrerinnen und Lehrer und die Überschätzung der gesellschaftlichen Bedeutung der Manager. In der öffentlichen Anerkennung der beiden Berufe öffne sich eine Schere, die sich in der auseinanderlaufenden Entwicklung der Einkommen zeige. Schuld an dieser Entwicklung sei eine verfehlte Politik. De Weck bezeichnet das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer als wertvoll und nachhaltig und von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der „Wissensgesellschaft“. Lehrerinnen und Lehrer seien häufig hart arbeitend, setzten sich leidenschaftlich ein für die Erfüllung ihrer Aufgaben, und im Idealfall verschönerten sie das Leben der Schülerinnen und Schüler. Manager hingegen werden Personalabbauern gleichgesetzt. Sie seien, gemessen an ihrer Leistung, ungerechtfertigt und zum Schaden der Gesellschaft wohlhabend, profitierten von einem ungerechten Lohngefüge und sinkenden Steuern. Ihre Apologeten verträten hohle und phrasenhafte Standpunkte. Unerwähnt bleibt an dieser Stelle indes, dass es auch schlechte Lehrerinnen und Lehrer und verantwortungsvolle Managerinnen und Manager gibt. Im Fall von Roger de Weck erwies sich sein Lehrer Peter Wolf nicht nur als kompetenter Fachlehrer, der ihm Deutsch beibrachte, sondern er vermittelte ihm mit Fontanes Roman „Der Stechlin“ offenbar auch ein geradezu existenziell wichtiges Leseerlebnis (das sich in der Bewunderung für die Figur des Gymnasiallehrers Wilhelm Schmid aus Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“  wiederholte). Roger de Wecks Kolumne eignet sich unter diesem Aspekt gut, um sich über prägende Leseerlebnisse auszutauschen. 


Das Textgeschehen gehört dem Handlungsfeld „Einnehmen der professionellen Rolle als Lehrperson“ an. Besonders zum Tragen kommende Professionskompetenzen sind die berufsethische Kompetenz, die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung und die Reflexionskompetenz.

Erika Burkart, „Die Vikarin“, 2006

In der Einleitung zur Liste der „Unwörter“ kennzeichnen folgende Merkmale die Schule, wie sie gemäß dem Zeugnis von K., der Primarlehrerin und jungen Freundin der Ich-Erzählerin, heute beschaffen sei: Sie werde gemanagt statt gepflegt. Sie überfordere die Kinder nervlich, sie behindere ihr Denken durch „Maschinenmissbrauch“ und „Computerklima“. Sie vernachlässige das Gemüt und dessen Sprache. Sie störe die organische Entwicklung der Kinder, manipuliere sie, richte sie auf Jobs zu, verlange Schuften zwecks maximalen Gelderwerbs statt „Leben“. Die Schule, wie sie sein sollte, sei demgegenüber gekennzeichnet durch die Begegnung mit den Wundern der Natur, durch Sinnieren über die Rätsel der Himmelskörper, durch Ruhe, Zuspruch, Liebe, Humor, Lachen. Der Liste von Unwörtern liegt einerseits die Erfahrung zugrunde, dass Modebegriffe und Schlagwörter tatsächlich eine handlungsprägende Wirkung haben. Andererseits ist für die Qualität von Schule nicht der Gebrauch von Wörtern ausschlaggebend, sondern die konkrete Praxis. Zudem bestimmt der Kontext, in dem ein Wort gebraucht wird, dessen Bedeutung wesentlich mit. Vor diesem Hintergrund ist es nicht einfach, in der Liste anstößige Begriffe auszumachen. Immerhin ist zum Beispiel die Formulierung „Kind ist Kunde“ sicher unangemessen, ebenso ein schwer verständlicher Begriff wie „Re-Rollout“. Begriffe, die man aus heutiger Sicht negativ ergänzen könnte, wären vielleicht etwa „Lernerinnen und Lerner“, „Lehrkräfte“, “Underperformer“ usw. In die Positivliste könnten Begriffe aufgenommen werden wie „Integration“, „Diversität“, „Nachhaltigkeit“, „Kinderrechte“ usw. 


Das Textgeschehen lässt sich unter anderem dem Handlungsfeld „Mitgestalten von Schulentwicklung und -system“ zuordnen. Ausgesprochene Professionskompetenzen in diesem Text sind die Erziehungskompetenz, die Reflexionskompetenz und die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung.

Thomas Hürlimann, „Die pädagogische Provinz“, 2008

Eine gute Lehrperson zeichnet sich gemäß Thomas Hürlimanns Text einerseits durch eher traditionelle Eigenschaften wie Begeisterungsfähigkeit, leidenschaftliche Identifikation mit dem Lehrstoff und didaktische Fantasie aus. Hinzu kommen aber auch unkonventionelle Eigenschaften, spezielle „Marotten“, „schräges“ Verhalten, „Originalität“ im weitesten Sinn. Grundlage dieser Unkonventionalität ist der leidenschaftliche Erkenntnisdrang, das kreative Chaos, die Vermischung von Professionalität und Privatheit (wie die vielfältigen Objekte auf dem Pult von Pater Kassian es zeigen). Die Begegnung mit einem solchen Lehrpersonentypus vermag die Schülerinnen und Schüler nach Hürlimanns Erfahrung zu faszinieren, bestärkt ihren Mut zur Originalität, führt zum Gewinn bedeutender Erkenntnisse. Allerdings spricht auch einiges dagegen, Pater Kassians Unterricht unbesehen nachzuahmen: Er gefährdet sich selbst, verliert den Blick für die Individualität der Schüler, unterläuft die Erziehung zum Ordnungssinn. Sein Beispiel bietet eine gute Gelegenheit, um sich im Blick auf die eigene Lernbiografie über positive und negative Beispiele „origineller“ Lehrpersonen auszutauschen.


Das Textgeschehen bewegt sich unter anderem im Handlungsfeld „Bereitstellen von Lerngelegenheiten“. Professionskompetenzen, die zur Sprache kommen, sind die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung, die Reflexionskompetenz und die Organisationskompetenz.

Fabio Pusterla, „Zur Verteidigung der Schule“, 2010

Gute Lehrerinnen und Lehrer zeichnen sich gemäß Fabio Pusterla durch folgende Eigenschaften aus: Sie sind hilfsbereit, können zuhören, sie ermutigen die Schülerinnen und Schüler, können Empathie und Mitleid empfinden, sie sind geduldig und gewissenhaft, kümmern sich gegebenenfalls um die Nöte ihrer Schülerinnen und Schüler. Demgegenüber lässt sich ein Austausch darüber pflegen, welche Eigenschaften im Hinblick auf die eigene Lernbiografie denn schlechte Lehrerinnen und Lehrer kennzeichnen - etwa Ungerechtigkeit, fachliche Inkompetenz, ein Mangel an Engagement, Verantwortungslosigkeit, Machtmissbrauch. Die Stelle in Frank McCourts Erinnerungen, auf die Fabio Pusterla anspielt, berührt einen unmittelbar: Phylllis‘ Schmerz über das einsame Sterben und den Tod ihres Vaters wird fühlbar. Der Lehrer findet – trotz dem „Berührungsverbot“ – die richtige Geste, um Phyllis zu trösten. Und die Mitschülerinnen und Mitschüler brechen nach Phyllis‘ Bericht in ermutigenden, empathischen Applaus aus. Die „Gocce di splendore“, die sich in diesem Moment einstellen, sind in der Schule wohl selten, und sie lassen sich nur schwer willentlich und bewusst herstellen. Es sind Momente einer besonderen Verbundenheit zwischen Lehrperson einerseits und Schülerin bzw. Schüler andererseits. Weitere Merkmale solcher Momente lassen sich durch einen Erfahrungsaustausch in der Gruppe im Hinblick auf die eigene Lernbiografie ergänzen. 


Das Textgeschehen ist wohl am ehesten im Handlungsfeld „Aufbau einer tragfähigen Beziehung mit den Schülerinnen und Schülern“ angesiedelt; zentrale Professionskompetenzen, die zum Tragen kommen, sind die Beziehungskompetenz, die berufsethische Kompetenz und die Kompetenz im Umgang mit Belastungen.

Isabelle Flükiger, „Bestseller“, 2011

Die Eltern versuchen durch folgende Verhaltensweisen Druck auf Mathieu auszuüben, damit er das Notenbild ihres Sohnes verbessert: Sie stellen die Bewertungen im Beurteilungsbogen infrage und negieren sie im Hinblick auf Leistungen ihres Sohnes bei anderen Gelegenheiten; sie führen eine angebliche Beleidigung an, die der Lehrer dem Schüler angetan habe; sie unterstellen Voreingenommenheit und Ungerechtigkeit, sie kritisieren die Wahl der Unterrichtsgegenstände, monieren die Subjektivität des Lehrerurteils und kopieren Dokumente ohne ausdrückliche Erlaubnis zu eigennützigen Zwecken. Der Rektor seinerseits wendet folgende Taktiken an, um eine ungerechtfertigte Verbesserung der Schülernote zu erreichen: Er zögert den Entscheid über den Streitfall hinaus, behilft sich mit einer Suggestivfrage und verhält sich seinem Untergebenen gegenüber paternalistisch. Der Schüler belügt die Gesprächsrunde, ergeht sich in Selbstmitleid und empfindet - mit Unterstützung seiner Eltern - Genugtuung darüber, dass er den Machtkampf gegen den Lehrer gewinnen wird. Mathieu selber bleibt standhaft, bezahlt sein konsequentes moralisches Handeln aber mit sofort eintretenden psychosomatischen Beschwerden (und später mit dem Verlust der Arbeitsstelle). Ein Austausch darüber, inwiefern eine solche Gesprächsrunde auch heutzutage vorkommen kann, fördert vermutlich gegensätzliche Erfahrungen und Einschätzungen zutage.

Das Handlungsfeld, in dem diese Szene sich abspielt, ist die „Produktive Gestaltung der Zusammenarbeit in der Schule und mit Dritten“. Professionskompetenzen, die im Text angesprochen werden, sind die berufsethische Kompetenz, die Beziehungskompetenz, sowie die Diagnose- und Beurteilungskompetenz.

Peter Stamm, „Der letzte Romantiker“, 2012

Die Beziehung von Sara zu Michael und die Beziehung von Sara zu Victor hängen einerseits dadurch miteinander zusammen, dass sie beide Klavierschüler von Sara sind. Sie sind aber auch dadurch miteinander verbunden, dass Sara sowohl gegenüber Michael als auch gegenüber Victor verfehlte Erwartungen hegt und dass die Beziehung zu beiden sich im Lauf der Geschichte auflöst. Dass Sara darum kämpft, Michael als Klavierschüler behalten zu können, mag darin begründet sein, dass er mit seiner Begabung eine Identifikations- und Projektionsfigur für ihr Streben nach musikalischem Erfolg ist. Saras Enttäuschung ist diesbezüglich indes nicht nur durch das Verhalten Michaels begründet, sondern auch durch das unempathische und teilweise demütigende Verhalten des Leiters der Musikschule, des Klassenlehrers, des Schwimmlehrers von Michael sowie des Dirigenten, dem sie vorspielt. Der Philodendron mit seinen wuchernden Luftwurzen kommt Sara vor wie ein „Sinnbild ihres Lebens“. Er ist ein Symbol für die unangemessenen Erwartungen, die sie bestimmen. Am Ende gelingt es ihr aber, den Philodendron mit seinen Luftwurzeln zu ihrer „Erleichterung“ und wohl auch Befreiung zu zerschneiden. Der Titel der Erzählung bezieht sich wohl auf das Scheitern der „romantischen Liebeskonzeption“ im Leben von Sara. Es zeigt sich im Unvermögen, Rachmaninows, des „letzten Romantikers“, Konzert zu spielen, in der enttäuschenden Auflösung der Beziehung zu Victor, im Entscheid von Michael, dem Sport vor der seinerzeit typisch „romantischen“ Tätigkeit des Klavierspielens den Vorzug zu geben. 


Das Textgeschehen ist im Handlungsfeld „Aufbau einer tragfähigen Beziehung mit den Schülerinnen und Schülern“ verortet. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Beziehungskompetenz, die Begleitungs- und Beratungskompetenz sowie die Kompetenz zur Diagnostik und Beurteilung.

Lukas Bärfuss, „Ode an die Lehrer“, 2015

Lukas Bärfuss‘ „Ode“ beginnt mit einer großen Respektsbekundung und mit einem Dank an die Lehrerinnen und Lehrer: Lehrersein sei kein Beruf wie ein anderer. Vielmehr sei der Lehrberuf die wichtigste Tätigkeit, welche die Gesellschaft zu vergeben hat: die Erziehung und Bildung der Kinder. Negative Begriffe, die Lukas Bärfuss mit der Schule in Verbindung bringt, sind Stundenplan, Lehrplan, Pulte, Prüfungen, Fachdidaktik, Evaluation und Evaluation von Evaluationen. Demgegenüber verdienen aus seiner Sicht die Lehrerinnen und Lehrer aufgrund folgender Eigenschaften Anerkennung: Liebe zum Unterrichtsgegenstand (Gedichte), Leidenschaft, Abenteuerlust, Fähigkeit zum spannenden Erzählen, Offenheit für andere Kulturen, Fantasie in der Unterrichtsgestaltung. Für Lukas Bärfuss hatte die Begegnung mit einzelnen Lehrpersonen eine existenzielle Bedeutung, sie hatte auch Einfluss auf seine persönliche Berufswahl. Am Schluss der Diplomrede steht der Aufruf zu Leidenschaftlichkeit und Begeisterungsfähigkeit - aber auch zum Mut, gegebenenfalls auch Unverständnis, Ärger und Angst zu äußern. Nur auf diese Weise könne es geschehen, dass Lehrpersonen die Kinder auf ihrem Weg zur „Menschwerdung“ wirkungsvoll begleiten.

Das Textgeschehen ist unter anderem im Handlungsfeld „Bereitstellen von Lerngelegenheiten“ angesiedelt. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung sowie die Erziehungs- und die Beziehungskompetenz.

Christian Haller, „Das unaufhaltsame Fliessen“, 2017

Der Ich-Erzähler heisst den „Rotschopf“ trotz seines Zuspätkommens und der diesbezüglichen Lüge willkommen. Er erkennt die Hilflosigkeit, die hinter diesem unangepassten Verhalten steckt. Ähnliches gilt für den Umgang mit René. Hier wird er sich der Tatsache bewusst, wie rollenbestimmt und schambesetzt dessen Agieren ist. Zugleich bemerkt er, dass äußere Merkmale (Körperhaltung, Gesten) im Sinne einer Stilistik des Lehrens seinen Unterrichtserfolg beeinflussen. Die Einsicht, wieviel Lieblosigkeit, Zurücksetzung, Misserfolg, Demütigung, „Abgeschriebensein“, „Ruhigstellung“ und das Vorenthalten spannender Lernerlebnisse die Schülerinnen und Schüler dieser Klasse schon erlebt haben, führt ihn dazu, sich als „Komplize von Aussenseitern“ zu sehen. Er zieht daraus den Schluss, sich vom Lehrplan zu lösen und für die Schülerinnen und Schüler - teilweise auf deren Wunsch - neue Lerngelegenheiten zu schaffen. Die „Komplizenschaft“ mit den Schülerinnen und Schülern wird besonders darin deutlich, wie er auf ihr Schummeln reagiert. Er identifiziert sich mit ihnen, ja bestärkt sie darin, dass er ihnen Schummeltipps gibt. Allerdings geht das wohl nur auf Kosten eines Stücks an Professionalität. Am Schluss bemerkt er, dass er die kritische Haltung der Schülerinnen und Schüler gegenüber herkömmlicher Autorität letztlich teilt.

Das Textgeschehen ist im Handlungsfeld „Gestalten und Führen einer Klassengemeinschaft“ angesiedelt. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Beziehungskompetenz die berufsethische Kompetenz sowie die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung.

Arno Camenisch, „Herr Anselm“, 2019

Herr Anselm hält Momente des Scheiterns im Leben für unvermeidlich - sie sollten aber möglichst produktiv und schonend verarbeitet werden können. Schlimm sei das Scheitern, wenn man es nie gelernt hat. Deshalb sei das Sich-arrangieren-Können mit dem Scheitern, ohne die Selbstachtung und den Respekt vor anderen zu verlieren, eine zentrale Aufgabe der Persönlichkeitsbildung in der Schule. Smartphones („schöne Grätli“) in der Schule sind ambivalent: Sie können das Lernen erleichtern, die Schülerinnen und Schüler aber auch entmündigen. Welcher Umgang mit Smartphones im Unterricht am angemessensten ist, lässt sich am ehesten in einem Austausch in der Gruppe über die gemachten Erfahrungen und die verschiedenen Regelungen herausfinden, die an Schulen gelten. Die dialektalen Einsprengsel im Text, emotiven Interjektionen („padamf“, „padimf“) und die Anleihen bei einer Syntax, wie sie im mündlichen Austausch gepflegt wird, steigern die Aufmerksamkeit beim Lesen, schaffen Lokalkolorit und erleichtern die Identifikation. Die wachsende Sympathie, die man im Lauf der Lektüre für Herrn Anselm empfindet, beruht in einem wesentlichen Mass auf seinem anschaulichen, einnehmenden, herzerwärmenden Sprachgebrauch.


Das Textgeschehen bewegt sich am ehesten im Handlungsfeld „Beurteilen und Begleiten der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler“. Die zur Sprache kommenden Professionskompetenzen sind die Erziehungskompetenz, die Kompetenz zur Unterrichtsgestaltung und die berufsethische Kompetenz.

Tabea Steiner, „Balg“, 2019

Im Textausschnitt wird Timons Vernachlässigung deutlich durch die wiederholt unangekündigte Abwesenheit der Mutter (auch nachts), die Leere des Kühlschranks, sein Entwenden des Schlüssels, sein unerlaubtes Weggehen. Seine Einsamkeit zeigt sich darin, dass seine Bitte bzw. Erwartung, im Fußball mitspielen zu dürfen, aus fadenscheinigen Gründen wiederholt ins Leere geht. Er muss auch erkennen, dass Karl, sein Schulkollege, nur dann nett zu ihm ist, wenn dieser von ihm etwas will. Die Tötung des schwarzweissen Hasen geschieht wohl ohne bewusste Absicht. Der Szene vorausgehen aber das Sich-Entziehen des Hasen und der Zorn von Timon darüber. Früher hat ihm das Tier Trost gespendet; jetzt lebt er Macht an ihm aus – es kommt hier die Tragik des Außenseiters zum Tragen, der zerstören muss, was er liebt. Valentin, der „alte Mann“ und ehemalige Lehrer, verhält sich in der Szene zugewandt, großzügig, hilfsbereit, tröstend und verantwortungsbewusst. Die Suche nach Beispielen solidarischen Verhaltens - zwischen Schülerinnen und Schülern etwa im Fall von Mobbing, eventuell aber auch über die Generationen hinweg - beziehungsweise nach funktionierenden Solidargemeinschaften erfolgt wohl am besten in der Form eines gegenseitigen Erfahrungsaustauschs in der Gruppe.

Das Textgeschehen spielt sich im Handlungsfeld „Aufbau einer tragfähigen Beziehung mit den Schülerinnen und Schülern“ ab. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Beziehungskompetenz, die berufsethische Kompetenz und die Kompetenz zur Beratung und Begleitung.

Simone Weinmann, „Die Erinnerung an unbekannte Städte“, 2021

Die Schülerin Vanessa hatte einem Mitschüler die Nase gebrochen und wurde deshalb vom Lehrer bestraft. Dieser ist verunsichert und fühlt sich veranlasst, die damalige Strafe zu rechtfertigen. Auch hat er ein schlechtes Gewissen, dass er seinem pädagogischen Auftrag dem Schüler Nathanael und der Schülerin Vanessa gegenüber nicht gerecht geworden ist (Reden mit den jeweiligen Eltern, um die beiden in der Schule behalten zu können). Einerseits distanziert er sich von der Lehrerrolle, andererseits zeigt er doch Verantwortungsbewusstsein, indem er der Schülerin und dem Schüler nachreist, um sie beim Durchqueren eines gesetzlosen Gebiets vor Gefahren zu schützen und um sie nach Hause zu bringen. Und als er hört, dass im „Norden“ kriegerische Auseinandersetzungen ausgebrochen sind, beschließt er, die beiden Jugendlichen in den Süden weiter zu begleiten. Die Gesprächsszene zeigt, dass die Schülerin trotz der Katastrophe bereit ist zum Aufbruch in ein neues Leben, während der Lehrer, der die Zeit vor der „Stunde null“ noch erlebt hat, traumatisiert an der Vergangenheit hängt. Das „Politecnico“ im Süden, zu dem es die beiden Jugendlichen hinzieht, mag Sinnbild sein für die Hoffnung auf einen neu einsetzenden wissenschaftlichen Fortschritt, auf eine Welt, in der wieder Bildung und Kultur gepflegt werden können. Erzähltechnisch wird der Dialog gelegentlich unterbrochen durch die „erlebte Rede“ („War sie in den letzten Wochen gewachsen oder war er geschrumpft?“), was es erleichtert, das Geschehene aus der Perspektive der jeweiligen Figur zu sehen. 

Das Textgeschehen betrifft den „Aufbau einer tragfähigen Beziehung mit den Schülerinnen und Schülern“. Angesprochene Professionskompetenzen sind die Beziehungs- und die Erziehungskompetenz sowie die Reflexionskompetenz.