Hans Saner

Hans Saner (1934-2017) studierte nach einer seminaristischen Ausbildung und einer fünfjährigen Tätigkeit als Primarlehrer Germanistik, Psychologie und Philosophie in Basel. Er wurde Assistent und engster Mitarbeiter des Philosophen Karl Jaspers, dessen Nachlass er betreute. Seine Tätigkeit als freischaffender Publizist war geprägt von der Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen und ethischen Fragen und von dezidierten politischen Stellungnahmen.

Kontext


Der Textausschnitt stammt aus einem Essay, der in der Schweizer Lehrerzeitung unter dem Titel «Der Lehrer und die Politik» erschienen ist. Der Essay ist enthalten im Sammelband von Aufsätzen mit dem Titel «Zwischen Politik und Getto. Über das Verhältnis des Lehrers zur Gesellschaft».

Text

(…) Falls (…) Erziehung in einer Demokratie auch Erziehung zur Demokratie sein soll, dann gibt es nur die Wahl, im Schüler behutsam, seinem Alter angemessen, den Willen zur künftigen Mitformung zu wecken. (…) Wie kann der Lehrer das tun? Ich glaube, auf drei Ebenen: nämlich durch seinen Unterrichtsstil, durch politische Inhalte und als politische Gestalt. Die Schulklasse ist für das Kind meist der erste grössere Raum, in dem es sozialisiert wird. Der Unterrichtsstil in ihr prägt nachhaltig das künftige Sozialverhalten des Menschen. Der Lehrer muss sich deshalb fragen, ob er durch die Form seines Unterrichts künftige Demokratie entfaltet oder verhindert. Wenn es stimmt, was empirische Untersuchungen ergeben haben, dass nämlich der Lehrer bis zu 80 % aller Wörter im Unterricht spricht, also mehr als 30 mal so viel wie jeder Schüler, dass er täglich an die 200 lenkende Fragen stellt und in einer Stunde bis zu 100 Befehle erteilt, dann läuft schon allein durch die Sprache eine Walze über die Kinder hinweg, die sie jedenfalls nicht befreit. Wenn Leistungs- und Notendruck unausgesetzt auf den Schülern lasten, angemasste Autorität keiner Kritik Spielraum öffnet, dann wird sich ein selbständiges Denken nie entwickeln. Und wenn schliesslich die Praktiken des Wettbewerbs den Schüler ständig in die Vereinzelung treiben, dann werden Sozialisierung und Zusammenarbeit verhindert. Wir müssen also einen Unterrichtsstil entwickeln, der Gewalt abbaut, Kooperation fördert, kritisches Denken weckt und Entfaltung der Persönlichkeit ermöglicht. Ich meine keineswegs, dass dies eine total permissive Erziehung sei, aber eine Erziehung, die geordnete Freiheit in sich abbildet, die die Schüler in die Mitverantwortung einführt und sie dadurch Leistung, Gemeinschaft und Kritik bejahen lässt. (…)

Ein Lehrer, der politische Themen zum Gegenstand macht, sollte sich gewisse Voraussetzungen erarbeiten. Gut ist es, wenn er selber realpolitische Anschauungen hat, die man ja übrigens auch an ganz kleinen Geschehnissen gewinnen kann. Nötig wäre es, dass er darüber hinaus die grossen politischen Denker studiert, nicht bloss einen, sondern mehrere und Marx nicht ausspart. Wichtig wäre auch, dass er eine Ahnung von moderner Soziologie hat. Aber zentral ist, dass aus ihm ein politisches Engagement spricht, das ihn als politische Gestalt glaubwürdig macht. Ich meine nicht etwa, dass er aus diesem Engagement Propagandist werden soll. Weil es ihm im Schüler um etwas geht, das mehr ist als jedes politische Einzelziel, nämlich um die Herausbildung der politischen Urteilsfähigkeit, darf sein Denken nicht zur Propaganda werden, nicht zur Suggestion und nicht zur Schmeichelei. Aber er darf und soll seine Meinung bekennen, wenn er sie rational begründet und wenn er, um des Schülers willen, begründend sich auch zum Anwalt von Alternativen macht. Er bewährt sich darin, dass der Schüler dann prüft, ob er auch will, was sein Lehrer will, und vielleicht dagegen entscheidet. Dass er so seine politischen Einzelziele im Schüler auch preisgibt, ohne sie zu verleugnen, qualifiziert ihn zum politischen Erzieher.

Saner 1977, 41-44



Fragen zur Diskussion

1. Wie soll der Unterrichtsstil beschaffen sein, damit er zu selbstständigem Denken und zur Demokratie erzieht?

2. Welche Merkmale kennzeichnen hingegen einen Unterrichtsstil, der diesem Ziel entgegensteht?

3. Unter welchen Bedingungen ist es legitim oder gar angezeigt, dass eine Lehrperson gegenüber Schülerinnen und Schülern ihre politischen Überzeugungen offenlegt?

4. Was kennzeichnet einen Lehrer/eine Lehrerin als «politischen Erzieher»/«politische Erzieherin»?

5. Inwiefern sehen Sie weitere, über den Text hinausgehende Möglichkeiten, in den Schülerinnen und Schülern den «Willen zur Mitformung» des demokratischen Gemeinwesens zu wecken?

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt?

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter).

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