2. Resonanz

Der „Faktor Lehrer/Lehrerin“

Dass die Beziehungskompetenz eine entscheidende Rolle für erfolgreiches Lehren und Lernen spielt, ist wissenschaftlich evident. Im Jahr 2008 veröffentlichte der neuseeländische Forscher John Hattie die auf der Analyse von über 800 Metastudien beruhende Studie „Visible Learning“ (dt. “Lernen sichtbar machen“). Sie erregte weltweites Aufsehen, weil sie zeigte, dass es für den schulischen Lernerfolg weniger auf Schulart, Klassengrösse, mediale Ausstattung oder den Fachinhalt ankommt, sondern vor allem anderen auf die Beziehungsqualität des Lehrerinnen- und Lehrerhandelns (Hattie 2013). Und im Jahr 2016 konnte ein Forschungsprojekt der ETH Zürich und der Universität Cambridge unter der Leitung von Manuel Gasser in einer Langzeitstudie mit 1400 Zürcher Schulkindern nachweisen, dass die Beantwortung der Frage, ob sich Jugendliche sozial oder aggressiv verhalten, wesentlich davon abhängt, welche Beziehung sie zu ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin haben: „Die Resultate sind äusserst klar: Wer eine gute Beziehung zur Lehrperson hat, zeigt auch ein prosozialeres Verhalten, ist also altruistischer und empathischer, zudem weniger aggressiv. Im Durchschnitt zeigten Schüler mit einer positiven Lehrer-Beziehung 18% mehr prosoziales Verhalten und bis zu 38% weniger aggressives Verhalten als Schüler, die ambivalent oder negativ ihrer Lehrperson gegenüberstanden.“ (ETH Zürich 2016)

Merkmale von Resonanzbeziehungen


Doch wie ist die Beziehungsqualität beschaffen, die in der jüngeren Schweizer Literatur als ein Hauptmerkmal erfolgreichen Lehrerinnen- und Lehrerhandelns gilt? In manchen Texten kommt ins Spiel, was der Soziologe Hartmut Rosa in seinen Publikationen seit 2016 als „Resonanz“ bezeichnet. Sie ist – als Gegenbegriff zur „Entfremdung“ – eine Form gelingender Beziehung, die durch vier Kernmerkmale gekennzeichnet ist (vgl. Rosa 2018): [9] 


 [9] Vgl. dazu auch Bucher 2020, 153ff. 

Das Moment der Berührung


Resonanz ereignet sich dort, wo Menschen von etwas berührt oder bewegt werden, wo etwas in ihnen „anklingt“. Es ist die Erfahrung des Berührtwerdens durch ein anderes, ohne durch es dominiert oder fremdbestimmt zu sein.

Das Moment der Selbstwirksamkeit


Für eine Resonanzbeziehung reicht es nicht, von etwas berührt zu sein. Resonanz impliziert als zweites Element, dass darauf eine Antwort erfolgt. Der oder die Berührte antwortet mit einer Emotion und erfährt dabei Selbstwirksamkeit.


Das Moment der Transformation


 

Eine zentrale Eigenschaft von Resonanzbeziehungen ist ihre verwandelnde Wirkung auf die Beteiligten. Wer in Resonanz mit einem anderen gerät, bleibt dabei nicht der- oder dieselbe. Die Verwandlung muss nicht immer existenziell und fundamental sein. Aber in jedem durch Resonanz bewirkten transformationalen Moment liegt die Erfahrung von existenzieller Lebendigkeit und Entwicklung.

Das Moment der Unverfügbarkeit 


Resonanzbeziehungen sind durch zwei konstitutive Unverfügbarkeiten gekennzeichnet: Zum einen lässt sich Resonanz nicht erzwingen, zum anderen lässt sich nicht voraussagen, was genau das Ergebnis eines Resonanzprozesses und der damit verbundenen (Selbst-)Verwandlung sein wird.


Nach Hartmut Rosa geht Resonanz über Beziehungskompetenz hinaus bzw. präzisiert diese. Man benötigt Kompetenz für die Gestaltung guter Beziehungen, aber Kompetenzen allein bewirken noch keine Resonanz: „Kompetenz bedeutet das sichere Beherrschen einer Technik, das jederzeit Verfügen-Können über etwas, das ich mir als Besitz angeeignet habe. Resonanz dagegen meint das prozesshafte In-Beziehung-Treten (…). Resonanz enthält ein Moment der Offenheit (…), das sie von Kompetenzen unterscheidet. Kompetenz ist Aneignung, Resonanz meint Anverwandlung von Welt: Ich verwandle mich dabei auch selbst.“ (Rosa / Endres 2016, 7) Gelingt es, Schule nicht als „Entfremdungszone“, sondern als „Resonanzraum“ zu gestalten, so stellt sich ein „Resonanzdreieck“ ein. Es wird gebildet von einer Lehrperson, welche die Schülerinnen und Schüler erreicht, Begeisterung vermittelt und sich „berühren“ lässt; vom Stoff, der sowohl Lehrpersonen als auch Schülerinnen und Schülern als ein Feld von bedeutungsvollen Herausforderungen erscheint; und von Schülerinnen und Schülern, die vom Thema gefesselt werden, sich angenommen und aufgehoben fühlen und zugleich für Neues offenbleiben (vgl. Rosa / Endres 2016, 46). Rosas Schüler Jens Beljan spricht von „Gänsehautmomenten“, in denen einer Lehrerin oder einem Lehrer gelingt, die Schülerinnen und Schüler für Gedichte, für Physik oder Kunst zu begeistern, von besonderen Situationen, in denen ein emotional wichtiger Dialog mit Schülerinnen und Schülern entsteht: „Nicht selten sind solche Resonanzerfahrungen in der Schule von grosser biografischer Bedeutung, indem sie ausschlaggebend für die Ausbildungs-, Berufs- oder Studienentscheidungen sind.“ (Beljan 2019, 16).


Resonanz in den Textbeispielen

In den Lesebuch-Texten ist unter dem Aspekt der Resonanz die von Fabio Pusterla referierte Szene aus Frank McCourts Roman „Tag und Nacht und auch im Sommer“ besonders aussagekräftig: Zwischen der Schülerin Phyllis, die trauert um ihren am Vortag im Nebenzimmer einsam gestorbenen Vater, während sie im Fernsehen mit ihrer Familie die Mondlandung verfolgt hatte, dem zunächst hilflosen Lehrer, der dann aber in der Umarmung der Schülerin die passende und taktvolle Geste findet, um sie zu trösten, und der empathisch und solidarisch applaudierenden Klasse stellt sich eine dreifache Resonanzbeziehung par excellence ein. Pusterla nennt solche Szenen „Gocce di splendore“, Tropfen von Glanz. Auch der Schluss von Helen Meiers Erzählung „Lichtempfindlich“ bringt eine Resonanzbeziehung zum Ausdruck: Der Sonderschüler Michael drückt sich an die Lehrerin, sie legt den Arm um seine Schulter, ihre Blicke begegnen sich, und die beiden lachen bzw. lächeln. In Tabea Steiners Roman „Balg“ agiert der ehemalige Lehrer Valentin dem isolierten Jungen Timon gegenüber ebenfalls mit Geduld und „Resonanz“, nachdem dieser seinen Gartenzaun bei einem Sturz mit dem Fahrrad zerstört hat; er verarztet ihn, repariert das Fahrrad und bringt es zu Timons Mutter zurück. Die „Liebe“ des neunjährigen Lukas Bärfuss zur charmanten Lehrerin „Fräulein Bovet“ mit dem schnittigen Mazda, die ihm didaktisch so einfallsreich Afrika nahebrachte, weist ebenfalls Merkmale einer „Resonanzbeziehung“ auf – Lukas Bärfuss schreibt sogar, dass die Begegnung mit dieser Lehrerin Einfluss auf seine Laufbahn als Schriftsteller gehabt habe. Schliesslich sind auch im Gespräch zwischen dem Lehrer Villiger und seinem ehemaligen Schüler Lur in Silvio Blatters Roman „Zunehmendes Heimweh“ und in der Wiederbegegnung der entlassenen Lehrerin mit der damals dagegen protestierenden Schülerin bei den Jugendunruhen in Viola Rohners Roman „Unkraut“ typische Elemente einer Resonanzbeziehung auszumachen.[10]


[10] Dass in den meisten der hier geschilderten Resonanzbeziehungen auch ein physischer Kontakt oder zumindest eine körpersprachliche Kommunikation zwischen den Resonanzpartnern stattfindet, entspricht den Annahmen der «Resonanzpädagogik»: «Resonanz ist immer auch ein leibliches Phänomen. Das ist schon an der Körperhaltung zu sehen, an den Begegnungen und Interaktionen sowohl im Klassenzimmer als auch im Lehrerzimmer.» (Rosa/Endres 2016, 20) Und zum gemeinsamen Lachen schreibt Beljan: «Im gemeinsamen Lachen verflüchtigt sich die Grenze zwischen Selbst und Welt. Dadurch begegnen sich die gemeinsam Lachenden als tendenziell gleichwertig und gleichgestellt. Das Lachen (…) findet in einem gemeinsam geteilten Bedeutungs- und Resonanzraum statt, in dem sich die Lachenden als wechselseitig voneinander berührt erleben.» (Beljan 2019, 211)