Fabio Pusterla

 

 

 

Fabio Pusterla (*1956) absolvierte das Gymnasium in Lugano und studierte Literatur an der Universität in Pavia. Darauf folgte eine langjährige Unterrichtstätigkeit, wiederum am Gymnasium in Lugano. Seit 1985 veröffentlicht er zahlreiche Gedichtbände, literarische Übersetzungen und Essays.

Kontext


Der Textausschnitt ist einer der 37 Reflexionen entnommen, die Fabio Pusterla unter dem Titel «Una goccia di splendore. Riflessioni sulla scuola» im Jahr 2008 veröffentlichte (deutsch «Zur Verteidigung der Schule»). Er war eingeladen, in der Tessiner Wochenzeitung «Azione» in regelmässigen Abständen eine Kolumne zum Thema Schule zu schreiben. Er nahm die Einladung aus der Überzeugung heraus an, «dass die einzige Möglichkeit, die Schule zu verteidigen und sie wachsen zu lassen, darin besteht, wieder eine ernsthafte, kritische, aber unvoreingenommene Debatte rund um diesen für uns alle so wichtigen Lebensabschnitt, den wir in Schulzimmern verbringen, zu entfachen», wie es im Vorwort heisst.

Text

(…) Wer die Schule kritisieren will, soll das klar und entschieden tun, aber für sich immer an die guten Lehrerinnen denken, die man gehabt hat, und nicht nur an die schlechten. Klar, es gibt schlechte Lehrer: So wie es schlechte Zahnärzte, schlechte Anwältinnen, schlechte Politiker gibt (und ich glaube wirklich nicht, dass man sagen kann, dass es um die Kategorie der Lehrer am schlechtesten bestellt ist, es reicht, die Zeitung zu lesen). Die guten Lehrer aber, diejenigen, die uns halfen, uns zuhörten, ermutigten, bemitleideten; diejenigen, die unsere Fehler korrigierten während langer, einsamer Stunden beim Lesen unserer Aufsätze und Übungen; diejenigen, die, ohne jemandem etwas zu sagen, den Schmerz über unsere Schmerzen, das Problem unserer Probleme nach Hause mitnahmen und darüber, aus reiner menschlicher Sympathie, aus Zuneigung, den Schlaf verloren, weil sie nach dem richtigen Wort, der geeigneten Geste, dem nützlichen Rat suchten . Wer spricht von diesen Lehrern, die im Leben von uns allen eine so wichtige Rolle spielten?

(…)

Es gibt Augenblicke in der Schule, in denen etwas geschieht, was schwer erklärbar ist. Zum Beispiel: Die Schüler sind mit einer Aufgabe beschäftigt, schreiben eine Prüfung. Über die Schulbänke gebeugt, schweigen alle eine Zeitlang, und der Lehrer beobachtet sie still, ergriffen. Was ist da los? Wie kann man dieses seltsame Gefühl nennen, das plötzlich in aller Klarheit erscheint? Es gibt eine Stelle im Roman «Tag und Nacht und auch im Sommer» von Frank McCourt[8], die dieses Gefühl sehr gut ausdrückt: Nachdem ein Mädchen, Phyllis, ihren Aufsatz laut vorgelesen hat, der vom Abend erzählt, an dem Neil Armstrong im Fernsehen den Mond betrat, während ihr Vater im Nebenzimmer im Sterben lag, bricht sie vor ihren Mitschülern in Tränen aus, der Lehrer weiss nicht, was er tun soll, umarmt sie, sie weint immer noch, auch die anderen weinen, und plötzlich ruft jemand «Super, Phyllis», alle applaudieren, Phyllis berührt die Wange des Lehrers, kehrt auf ihren Platz zurück, durch die Tränen lächelnd. Und der Lehrer denkt: «Das ist nichts Weltbewegendes, diese Berührung, aber ich werde das nie vergessen: Phyllis, ihren toten Vater, Armstrong auf dem Mond.» Tatsächlich gibt es eine Intensität in der Zuneigung, die den Lehrer bisweilen mit seinen Schülern verbindet, der man schwer Ausdruck verleihen kann und die sogar schwer zu beschreiben ist. Wenn ich an sie denke und wenn ich sie fühle, fällt mir ein Bild ein, das sich aus den Versen von Alvaro Mutis in eines der letzten Lieder von Fabrizio de André übertragen hat: una goccia di splendore, ein Tropfen Glanz. Das ist es, was manchmal in den Schulzimmern glänzt, das Geheimnis, das in den besten Momenten Schülerinnen und Lehrerinnen vereint, das kleine Licht, von dem man den anderen unmöglich erzählen kann, weil sie es vielleicht nicht verstehen würden: ein Tropfen Glanz. Und das ist also mein Wunsch, der mir selbst, meinen Freunden, meinen Kolleginnen gilt: dass wir diesen Tropfen und diesen Glanz nicht vergessen.

Pusterla 2010 (Uebersetzung), 31-33 


[8] Bibliographischer Nachweis: McCourt 2006, 313-314

Fragen zur Diskussion

 

1. Was kennzeichnet gemäss dem Text die guten Lehrerinnen und Lehrer? 

2. Wenn Sie sich an schlechte Lehrerinnen und Lehrer erinnern: Welche Verhaltensweisen kommen Ihnen da vor allem in den Sinn? 

3. Warum berührt einen die Episode mit Phyllis aus Frank McCourts Roman? 

4. Wodurch zeichnen sich «Gocce di splendore» in der Schule aus? 

5. Inwiefern haben Sie in der Schule auch schon Situationen erlebt, die Sie mit «Goccie di splendore» bezeichnen würden? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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