1. Kompetenz

Zur Entwicklung des Kompetenzbegriffs

Der Begriff der Kompetenz hat im Kontext der Bildung eine lange Tradition. Heinrich Roth bezeichnete 1971 die Mündigkeit als oberstes Erziehungsziel und verstand sie „als Kompetenz (…) in einem dreifachen Sinn: a) als Selbstkompetenz (…), d.h. als Fähigkeit, für sich selbst verantwortlich handeln zu können, b) als Sachkompetenz, d.h. als Fähigkeit, für Sachbereiche urteils- und handlungsfähig (…) sein zu können, und c) als Sozialkompetenz, d.h. als Fähigkeit, für sozial, gesellschaftlich und politisch relevante Sach- und Sozialbereiche urteils- und handlungsfähig (…) sein zu können“ (Roth 1971, 180). 2002 hat Franz E. Weinert diese Definition um den Aspekt des Problemlösens erweitert und dabei auch Aspekte der Motivation, des Willens und der sozialen Beziehungen berücksichtigt. Seine Definition entfaltete in der bildungspolitischen Diskussion der darauffolgenden Jahre eine grosse Wirkung und liegt auch dem kompetenzorientierten Unterricht zugrunde, wie er vom Deutschschweizer Lehrplan 21 für die Volksschulen postuliert wird: „Unter Kompetenzen versteht man die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fertigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“ (Weinert 2002, 27f.)

Professionskompetenzen speziell in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung

 

 Spezifisch auf die Lehrerinnen und Lehrerbildung bezogen, hat die PH Luzern 2013 – teilweise auf der Grundlage von Heinrich Roth und Franz E. Weinert – zehn Professionskompetenzen für den Lehrberuf definiert (Krammer et al. 2013). Wer sich mit den Fragen auseinandergesetzt hat, die im Anschluss an die 19 Szenen in diesem Lesebuch zur Diskussion vorgeschlagen sind, hat jeweils unter der siebten Frage diese Palette der lehrerbildungsspezifischen Kompetenzen kennengelernt. (vgl. Menupunkt "Referenzrahmen").

Die Analyse der literarischen Szenen unter dem Aspekt der Kompetenzen zeigt, dass in den 19 Texten alle Professionskompetenzen mindestens einmal vorkommen – sei es in der Beschreibung der Handlungen der Figuren oder sei es als Forderungen, die sich aus dem Figurenhandeln bzw. in theoretischen Texten aus der jeweiligen Argumentation ergeben. Allerdings sind die zehn Professionskompetenzen in den 19 Texten in ganz unterschiedlicher Intensität vorhanden, und einzelne Texte bzw. Textausschnitte sind auf nur wenige Kompetenzen zugeschnitten. Auffällig ist dabei, dass es – aufs Ganze gesehen – vor allem zwei Professionskompetenzen sind, die Schweizer Autorinnen und Autoren der vergangenen 50 Jahre als Faktoren eines erfolgreichen Lehrerinnen- und Lehrerhandelns immer wieder darstellen bzw. fordern: die Beziehungskompetenz und die berufsethische Kompetenz.