Thomas Hürlimann

 

 

 

 Thomas Hürlimann (*1950), Sohn des Bundesrats Hans Hürlimann (1918 – 1994), erwarb die Matura an der Klosterschule Einsiedeln und studierte danach Philosophie an der Universität Zürich und an der Freien Universität Berlin. Er brach das Studium ab und war als Regieassistent und Dramaturg am Schillertheater in Berlin tätig. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. 1985 kehrte er in die Schweiz zurück. 1981 debütierte er mit der vielbeachteten Erzählung «Die Tessinerin». Unter anderem in den Romanen «Der grosse Kater» (1998), «Vierzig Rosen» (2006) und «Der Rote Diamant» (2022) sowie in der Novelle «Das Fräulein Stark» (2001) setzte er sich kritisch mit seiner Herkunft auseinander. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Es wurde vielfach ausgezeichnet.

Kontext


 

Der Text «Die pädagogische Provinz», aus dem der Textausschnitt stammt, ist dem Band «Der Sprung in den Papierkorb» entnommen, einer Sammlung von «Geschichten, Gedanken und Notizen am Rand», wie es im Untertitel heisst. Thomas Hürlimann schildert darin unter anderem verschiedene Szenen aus der Zeit, die er als Internatsschüler des Klosters Einsiedeln verbrachte. Der Textausschnitt ist Teil einer Festrede, die das Porträt des unkonventionellen, faszinierenden Physiklehrers Pater Kassian enthält.[7] 


[7] In der Compact Disc, auf der Thomas Hürlimann von seiner Kindheit und Jugend im Kloster Einsiedeln erzählt (Hürlimann 2020), steht ebenfalls das Internatsleben im Zentrum. In diesen mündlichen Erinnerungen macht Hürlimann indes einen grossen Unterschied zwischen hervorragenden und bewunderten Lehrern einerseits (darunter auch wieder Pater Kassian) und den böswilligen und verhassten Internatsverantwortlichen anderseits. Im Roman «Der Rote Diamant» (2022) ist die Darstellung der Niedertracht des Internatspräfekten auf die Spitze getrieben.

Text

(…) Und die Lehrer? (…) Jene Lehrer sind die besten, die sich zu einer Type zugespitzt haben, gewissermassen zur Karikatur ihrer selbst. Lernen ist nachäffen, und je leichter Sie sich treffen lassen, meine Damen und Herren mit dem schönsten, schwierigsten und schwersten Beruf der Welt, desto selbstverständlicher eignen sich die Schüler Ihr Wissen an. Legen Sie sich Marotten zu! Seien Sie so schräg wie möglich! Vergessen Sie nicht, vor Ihnen sitzen lauter Nullen, lauter Leerstellen, und wie lässt sich eine Null am einfachsten in eine Origo verwandeln? Durch ein Original, durch was denn sonst. (…)

Pater Kassian war unser Physiklehrer. Er liebte es, mit gefährlichen Stoffen zu experimentieren, und trieb sich spekulativ im All herum. Er verstand es, sogar mich für physikalische Vorgänge und Formeln zu begeistern. Er war ein exzellenter Lehrer, weil er uns mit seiner Begeisterung ansteckte. Meist hing ihm eine brennende Zigarette aus dem Mundwinkel, das erhöhte die Gefährlichkeit seiner Experimente, und mehr als einmal tauchte die ganze Klasse in Erwartung von Kassians vorzeitiger Himmelfahrt unter die Bänke. 

Das Pult, hinter dem er rang und hantierte, war lang wie ein Tresen und von vergessenen Zigaretten und misslungenen Demonstrationen brandgefleckt. Darauf irrten weisse Mäuse herum, und es kam vor, dass sich der Physiklehrer im Eifer des Dozierens an deren Punktaugen wandte, nicht an uns. Bilder von Pauli und Einstein hingen an den Wänden. Schiefe Gestelle waren mit alchimistischen Folianten vollgestopft, und auf den Käfigen, worin sich auch eine Schlange ringelte, lag allerlei Gerümpel herum: Globen, Atlanten, leere Flaschen, ein Satz Hanteln, ein Bündel Liebesbriefe, der Rumpf eines Skeletts und anderes mehr. Ein Chaos, doch mit System, ein kassianisches Sphärenmodell, das er wieder und wieder in Frage stellte, zerstörte, entwarf, erschuf, Faust und Mephisto zugleich, die Kutte wehend, die Zigarette glühend, verliebt und verbohrt in sein Fach, stets genau, übergenau, oft nah am Wahn, jenseits der Grenze, jedoch ansteckend, jedoch mitreissend - indem er sich keinen Deut darum scherte, was wir begriffen, was nicht, liess er uns im Sog seiner Auffahrten jene Schächte erblicken, jene Treppen, die aus Platons Höhle nach oben führen, zu den Sternen, zu den Göttern.(…)

Hürlimann 2008, 108-110

Fragen zur Diskussion

 

1. Welche Merkmale zeichnen die gute Lehrerin/den guten Lehrer vor allem anderen aus? 

2. Worin besteht die Unkonventionalität von Pater Kassian als Lehrer? 

3. Welche Wirkung erzeugt Pater Kassians Unterricht bei den Schülern? 

4. Was spricht dagegen, Pater Kassians Unterricht unbesehen nachzuahmen? 

5. Wenn Sie sich in ihrer Schulbiographie an «originelle» Lehrerinnen und Lehrer erinnern: Welche positiven und negativen Beispiele fallen Ihnen dazu ein?

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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