Peter Stamm

 

 

 

 

Peter Stamm studierte nach einer kaufmännischen Lehre und der auf dem zweiten Bildungsweg erworbenen Matura zuerst Anglistik, dann Psychologie, Psychopathologie und Informatik. Er brach das Studium ab und entschied, sich künftig ganz dem Schreiben zu widmen. Ab 1990 war er journalistisch und dann immer stärker schriftstellerisch tätig. Er verfasste mit wachsendem Erfolg erzählende Prosa, Hörspiele und Theaterstücke. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 

Kontext


«Der letzte Romantiker» ist eine der zehn im Band «Seerücken» versammelten Erzählungen. Sara, die Klavierlehrerin, muss es – trotz grösster Anstrengungen, ihn zu behalten – hinnehmen, dass Michael, ihr talentierter Klavierschüler, dem Hobby Schwimmen den Vorzug gibt und deshalb den Klavierunterricht aufgibt. Im zweiten Handlungsstrang, beim Vorspielen des zweiten Klavierkonzerts von Rachmaninow, dem «letzten Romantiker», musss sie die Erfahrung machen, dass ihr eigenes Talent nicht ausreicht, um Konzertpianistin zu werden. Auch von Victor, ihrem väterlichen Freund und ebenfalls Klavierschüler, fühlt sie sich aufgrund von dessen Ferienromanze hintergangen und bricht mit ihm. Trotzdem gelingt es ihr am Ende der Erzählung, sich auf der symbolischen Ebene eine gewisse «Erleichterung» zu verschaffen. 

Text

Der letzte Romantiker

Die ganze Lektion über war Michael nicht richtig konzentriert gewesen. Sara hatte sich gesagt, es sei wegen der Hitze oder der bevorstehenden Sommerferien. Als er zum fünften Mal denselben Fehler machte, unterdrückte sie ihren Ärger und sagte, das hat keinen Sinn, du bist wohl schon mit dem Kopf am Strand. Da drehte er sich zu ihr und schaute sie mit grossen Augen an, es sah aus, als finge er gleich an zu weinen. Das kommt schon, sagte Sara, legte ihm die Hand auf die Schulter und stand auf. Michael senkte den Blick und murmelte, er werde nach den Sommerferien nicht mehr in den Klavierunterricht kommen. Deswegen musst du doch nicht gleich aufgeben, sagte Sara, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Das ist nicht der Grund, sagte Michael. Seine Eltern hätten gesagt, er könne nicht Schwimmen und Klavier spielen, sonst komme die Schule zu kurz. Er stand mit hängenden Schultern neben dem Klavier. Es tut mir leid. Wegen einer Stunde pro Woche?, sagte Sara. Wie oft gehst du zum Schwimmtraining? Vier-, fünfmal, sagte Michael, aber das Üben. Sara lachte spöttisch. Du übst doch kaum, gib es zu. Eben, sagte Michael. 

(…)

Das ist doch nicht dein erster Schüler, der aufgibt, sagte Victor und faltete die Noten zusammen. Aber mein Bester, sagte Sara. Er hat Talent. Wenn er lieber Sport treibt, sagte Victor. Klavier spielen ist nicht cool. Das Wort klang seltsam aus dem Mund eines Sechzigjährigen. Er möchte schon, sagte Sara, aber seine Eltern verbieten es ihm. Ich versuche es noch einmal. Sie wählte die Nummer wohl schon zum zehnten Mal seit diesem Nachmittag. Als Michaels Vater abnahm, wusste sie erst gar nicht, was sie sagen sollte. Er hörte ihr geduldig zu, dann sagte er mit freundlicher Stimme, es tue ihm leid, aber Michael müsse sich auf ein Hobby konzentrieren. Sie können ihn nicht einfach so aus dem Unterricht nehmen, sagte Sara heftig, das nächste Semester müssen Sie auf jeden Fall bezahlen. Der Vater sagte, er habe mit der Verwaltung der Musikschule gesprochen, alles sei geregelt. Musik ist kein Hobby, sagte Sara. Sie wich Victors Blick aus, der den Kopf schüttelte und beschwichtigend die Hände hob und senkte. Schwimmen kann jeder Idiot. Frau Wenger, unterbrach sie Michaels Vater, wir sind Ihnen dankbar für alles, was Sie für Michael getan haben, aber die Sache ist entschieden.

(…)

Wohl um sie abzulenken, fragte Victor, ob sie mit dem Rachmaninow vorankomme. Ich arbeite daran, sagte sie, aber er ist sauschwer. Hast du beim Musikkollegium angefragt? Sie schüttelte den Kopf. Die wollen bekannte Namen, jemand wie ich hat da keine Chance. Versuch es doch wenigstens, sagte Victor, wir haben kürzlich die Sponsoringverträge erneuert, da habe ich deinen Namen fallenlassen. Und?, fragte Sara. Der Chefdirigent hat gesagt, du sollest dich bei ihm melden. Du musst ihn von mir grüßen. Victor trat zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie mochte diese kleinen freundschaftlichen Berührungen und strich kurz über den Ärmel seines Jacketts. Wann fliegst du? Übermorgen, sagte er, die Hand immer noch auf ihrer Schulter. Ich bin todmüde, sagte Sara. Pass auf dich auf. Victor trank sein Glas im Stehen aus und wünschte ihr schöne Ferien. Sara sagte nichts mehr. Zum Abschied küssten sie sich auf die Wangen.

Die Luft im Klavierzimmer war abgestanden, die gelben Vorhänge waren halb zugezogen, und es war schummrig. Sara goss den Philodendron, der sich an der Zimmerdecke entlang zog, und besprühte die Blätter mit einem Blattglanzspray. Sie hatte die Pflanze vor Jahren von einer Schülerin übernommen, die mit ihren Eltern nach Amerika ausgewandert war. Philodendren reinigten die Luft, hatte die Schülerin behauptet, sie nähmen Formaldehyd auf und andere Raumgifte. Die formlose Pflanze mit ihren Luftwurzeln, die sinnlos ins Leere hingen, kam Sara vor wie ein Sinnbild ihres Lebens, langsam wuchernd bildete sie ein Blatt nach dem anderen, ohne die Aussicht, diesem Raum jemals zu entkommen.

Am Nachmittag telefonierte sie mit der Verwaltung der Musikschule und verlangte, mit dem Schulleiter zu sprechen. Sie schilderte ihm die Situation und beklagte sich darüber, dass man Michael einfach so gehen lasse. Der Schulleiter sagte, er kenne den Fall nicht, aber wenn der Junge nicht motiviert sei, habe es keinen Sinn, ihn zum Unterricht zu zwingen. Sie haben doch genug Schüler, sagte er. Darum geht es nicht. Michael hat Talent, es wäre eine Schande. wenn er jetzt aufhören würde. Regen Sie sich nicht auf, sagte der Schulleiter. Wir haben absolut keine Handhabe, das wissen Sie doch selbst.

Sara rief Michaels Klassenlehrer an. Der fertigte sie noch kürzer ab als der Musikschulleiter. Als sie fragte, wie Michaels Leistungen seien, sagte der Lehrer, er sei nicht berechtigt, ihr darüber Auskunft zu erteilen, sie solle sich an die Eltern wenden. Was ein Schüler in seiner Freizeit mache, sei ihm egal, Hauptsache er mache es mit Begeisterung.

Wütend blätterte Sara im Telefonbuch, als wäre darin jemand zu finden, der ihr helfen könnte.

(…)

Im Hallenbad war es noch wärmer als draußen und stiller. Der Chlorgeruch erinnerte Sara an ihre Schulzeit, an ihren Sportlehrer, der sich lustig gemacht hatte über die wasserscheuen Kinder. Sie hatte den Schwimmunterricht so sehr gehasst, dass sie davor jedes Mal Bauchschmerzen bekam. Aber irgendwann hatte die Mutter sie durchschaut und sie trotzdem hingeschickt. Das Becken war leer bis auf zwei Bahnen, auf denen ein halbes Dutzend Kinder hin und her schwammen. Ein Mann in kurzen Hosen und T-Shirt schrieb mit Kreide ein paar Zahlen und Buchstaben auf eine Schiefertafel, es schien eine Art Code zu sein. Sara ging zu ihm hin und fragte ihn, ob er der Trainer von Michael Bernold sei. Ja, sagte er und streckte ihr die Hand hin. Er ist in den Ferien. Ich bin… ich war seine Klavierlehrerin, sagte Sara und schüttelte dem Mann die Hand. Sie kam sich nackt vor und schaute kurz an sich herab. Im Neonlicht der Halle wirkte ihre Haut grünlich, und in ihrem Ausschnitt entdeckte sie einen entzündeten Pickel. Er spielt Klavier?, fragte der Trainer. Er ist talentiert, sagte Sara, aber er hat aufgehört, weil er zu viel Zeit für das Schwimmtraining braucht. Zu viel, wiederholte der Trainer ausdruckslos. Das ist meine Meinung, sagte Sara. Ich hasse das Wort Talent, sagte der Trainer. Am Ende hat der Erfolg, der am meisten trainiert. Das habe ich ihm auch immer gesagt. Sara lächelte. Was verstehen Sie unter Erfolg? Einen Moment bitte, sagte der Trainer. Er ging zur Tafel, wischte die Zahlen und Buchstaben weg und schrieb neue darauf. Die Kinder, die am Ende der Bahn gewartet hatten, schwammen wieder los. Es sah aus, als würden sie an Seilen durch das Wasser gezogen, so schnell kamen sie vorwärts und so unangestrengt wirkten ihre Bewegungen. Der Trainer trat wieder zu Sara und zeigte auf ein Mädchen, das an ihnen vorbeischwamm. Lea zum Beispiel hat ein tolles Wassergefühl. Schauen Sie, wie sie sich bewegt. Aber wenn sie drei, vier Tage nicht trainiert, ist das weg, und ich kann wieder von vorne anfangen. Was verstehen Sie unter Erfolg?, fragte Sara noch einmal. Hauptsache, sie haben Spass, sagte der Trainer. Michael hat den Winner-Instinkt. Er trainiert hart. Wenn er weniger trainieren würde, hätte er wieder Zeit für das Klavierspielen, sagte Sara. Können Sie nicht mit ihm reden? Der Trainer lächelte unkonzentriert und schüttelte den Kopf. Nein. Ich muss jetzt arbeiten. Sara blieb noch einen Moment stehen und schaute den schwimmenden Kindern zu. Dann ging sie um das Becken herum, legte das Handtuch ab und stieg die Treppe hinunter, bis ihr das Wasser bis zum Bauch reichte. Sie blickte zum Trainer hinüber, aber der beachtete sie nicht. 

Sara war froh, als das Wetter endlich umschlug und es kühler wurde. Jeden Tag nahm sie sich vor, den Chefdirigenten anzurufen und sich mit ihm zu verabreden, aber dann schob sie es hinaus, sagte sich, er sei ohnehin in den Ferien oder sie müsse diese oder jene Stelle noch besser beherrschen. Victor schrieb regelmässig Mails aus Madeira, an die er Bilder anhängte von roten Felsenklippen und exotischen Pflanzen. Er schien sich zu langweilen in seinem luxuriösen Hotel. Manchen Mails merkte Sara an, dass er sie betrunken geschrieben hatte, sie waren voller Tippfehler. Sie antwortete kurz, es sei nichts los, das Wetter sei schlecht, sie übe viel. Nach zwei Wochen veränderte sich etwas im Ton von Victors Mails, er schrieb immer noch regelmäßig, aber es klang jetzt, als tue er es nur noch aus Pflichtgefühl. Vielleicht hat er eine Bekanntschaft gemacht, dachte Sara. Der Gedanke brachte sie auf. Seltsamerweise war sie auf seine Frau nie eifersüchtig gewesen, und auch nach seiner Scheidung hatte sie nie mehr von ihm gewollt als die wöchentlichen Treffen, die Gespräche und seine Freundschaft. Aber es tat ihr weh, sich vorzustellen, dass er eine Geliebte haben könnte, eine Frau, die mehr Rechte hätte als sie.

In der zweitletzten Sommerferienwoche rief Sara endlich die Geschäftsstelle des Musikkollegiums an. Sie schilderte dem Mann am Telefon ihr Anliegen. Er versuchte sie abzuwimmeln, sagte, sie würden ausschliesslich mit Agenturen zusammenarbeiten, mit international bekannten Künstlern. Ich könnte ja mal nach einer Probe vorbeikommen und dem Dirigenten etwas vorspielen, sagte sie. Zehn Minuten, das ist doch nicht zu viel verlangt. Er ist sehr beschäftigt, sagte der Mann am Telefon. Schließlich blieb Sara nichts anderes übrig, als ihre Beziehungen spielen zu lassen und Victors Namen zu erwähnen. Der Mann am Telefon schwieg einen Moment, dann sagte er mit beleidigter Stimme, er werde mit dem Chefdirigenten sprechen und sich dann wieder melden. 

Die nächsten Tage übte Sara noch mehr als sonst. Manchmal wiederholte sie eine Stunde lang die immer selben Takte, bis ihr die Finger weh taten. Am Donnerstag rief der Mann vom Musikkollegium an. Sie verstand seinen Namen wieder nicht und traute sich nicht nachzufragen. Er war kurz angebunden und sagte, sie könne dem Chefdirigenten morgen nach der Probe vorspielen, um halb eins, sie solle pünktlich sein.

An diesem Nachmittag spielte sie das ganze Konzert in einem Stück durch. Zum ersten Mal bemerkte sie, dass ihrem Spiel jeder Glanz und jeder Ausdruck fehlte. Sie brauchte ihre ganze Kraft und Konzentration, um die technischen Schwierigkeiten zu meistern, und noch nicht einmal das gelang ihr. Sie machte Fehler, viele Fehler. Wie verblendet sie die ganzen Jahre gewesen war. Schon damals am Konservatorium hatte sie das Konzertdiplom nicht machen können, weil sie nicht gut genug gewesen war, und seither war sie nicht besser geworden. Vielleicht hatte der Schwimmtrainer recht, und das Talent spielte keine Rolle, aber ihr fehlte auch die Begeisterung, die Energie, das, was er den Winner-Instinkt genannt hatte. 

Am liebsten wäre Sara gar nicht zum Vorspielen gegangen, aber das konnte sie Victor nicht antun. Und vielleicht war sie ja zu selbstkritisch. Auch das gehörte zu einer guten Künstlerin, dass sie nie zufrieden war mit dem, was sie erreicht hatte. Am Abend trank sie ein paar Gläser Wein und war plötzlich wieder ganz zuversichtlich.

Sara war viel zu früh beim Stadthaus. Der Hintereingang war abgeschlossen, und sie wartete vor der Tür. Obwohl es ein kühler Tag war, trug sie einen Rock. Sie hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte, sogar das bonbonfarbene Kleid, das sie an der Hochzeit ihrer Schwester getragen hatte, hatte sie kurz aus dem Schrank gezogen. Schließlich hatte sie sich für einen knielangen Wickelrock mit Schottenmuster und eine cremefarbene Bluse entschieden. Sie fröstelte und knetete ihre Hände, die langsam klamm wurden. Endlich öffnete sich die Tür, und schwatzende, lachende Musiker strömten heraus, einige mit Instrumentenkästen. Sara erkannte eine Oboistin, die mit ihr das Konservatorium besucht hatte, aber die Frau erwiderte ihren Gruß nicht. Sara trat in den Empfangsraum, wo noch einige Musiker herumstanden und sie musterten.

Sie erkannte den Dirigenten sofort, obwohl er Strickjacke trug und ausgebeulte Cordhosen Er trat sehr selbstsicher auf sie zu und streckte ihr die Hand hin, ohne seinen Namen zu nennen. Sara war erstaunt, wie jung er aussah, bestimmt war er jünger als sie. Er führte sie ins Solistenzimmer, einen kleinen Raum, in dem ausser einem Flügel und einem Notenständer nur ein Tischchen und eine scheussliche schwarzweiße Designerliege standen, die sie an den Behandlungsstuhl ihres Gynäkologen erinnerte. Die Jalousien waren geschlossen, zwei Leuchtstoffröhren verbreiteten ein kühles, diffuses Licht. Der Dirigent setzte sich auf die Liege und streckte die Beine aus, seine Haltung hatte etwas Obszönes. Während Sara die Noten aus ihrer Mappe zog und den Klavierschemel zurechtrückte, fragte er, auf was für einem Instrument sie zu Hause spiele. Ich habe nur ein Klavier, gab Sara zu. Lieber ein gutes Klavier als ein schlechter Flügel, sagte der Dirigent. Waren Sie kürzlich im Konzert? Sara dachte nach. Die Ceremony of Carols von Britten hatte sie gehört, aber das war Jahre her. Ich komme nicht so oft ins Konzert, wie ich möchte, sagte sie, ich unterrichte auch an manchen Abenden. Der Dirigent runzelte die Stirn und fragte, was ihre Verbindung zu Victor sei. Er nimmt Klavierstunden bei mir, sagte sie, schon seit Jahren. Wir sind befreundet. Ich muss Ihnen nicht sagen, wie dankbar wir sind, dass seine Firma uns so grosszügig unterstützt, sagte der Dirigent, aber das darf meine Entscheidung natürlich nicht beeinflussen. Also, lassen Sie mal hören. Er schaute auf die Uhr.

Es lief besser, als ich erwartet hatte, sagte Sara. Und was hat er gesagt?, fragte Victor. Die Telefonverbindung war schlecht, seine Worte klangen abgehackt und wurden immer wieder unterbrochen von kurzen Momenten der Stille. Er werde sich bei mir melden, sagte Sara, und dann noch einmal deutlicher, er wird sich bei mir melden. Ich verstehe dich ganz schlecht, sagte Victor, aber wir sehen uns ja in einer Woche. Bis dann.

Sara hatte es nicht fertiggebracht, Victor die Wahrheit zu sagen. Dass der Dirigent sie schon nach wenigen Minuten mit den Worten unterbrochen hatte, das habe keinen Sinn. Er war zu ihr ans Klavier getreten, hatte ihre Noten genommen und hineingeschaut, als wollte er sehen, was sie da gespielt hatte. Dann reichte er ihr das Heft und hielt ihr einen kleinen Vortrag über Rachmaninow, den letzten Romantiker, wie er ihn nannte. Seine Freundlichkeit und seine Geduld waren vielleicht die größte Beleidigung, er sprach mit ihr wie mit einem Kind, das getröstet werden muss. Er sagte, sie habe sich da ein sehr schwieriges Stück ausgesucht, für das ihre Fähigkeiten einfach nicht ausreichten. Sie solle es doch einmal mit einfacheren Sachen probieren. Und was Auftritte angehe, so könne er sich durchaus vorstellen, dass sie in einem Alters- oder einem Pflegeheim ein dankbares Publikum finde. Allerdings nicht mit dem Rachmaninow, sagte lachend, sonst kriegen die alten Leutchen einen Herzinfarkt. Sara lächelte und ließ sich vom Dirigenten zur Tür begleiten und sich alles Gute wünschen.


Zu Hause sass sie bestimmt eine Stunde am Klavier und wurde immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt, bis ihr die Kehle weh tat. Sie trank in der Küche einen Schluck Wasser vom Hahn. Die Noten warf sie auf das Altpapier.

Zehn Tage später kam Victor wieder in die Stunde. Sara sagte, es wird nichts mit dem Auftritt. Er schien zu spüren, dass sie nicht darüber reden wollte, und fing an, von seinen Ferien zu erzählen. Nach der Stunde setzten sie sich in die Küche, und Victor zeigte ihr die Fotos von Madeira. Sie mussten die Köpfe nahe zusammenstecken, um auf dem kleinen Display der Digitalkamera etwas zu erkennen. Victor hatte seinen Arm beiläufig um Saras Schulter gelegt. Und, hattest du einen Ferienflirt?, fragte sie. Er rückte von ihr ab, sah sie erstaunt an und fragte, wie sie darauf komme. Also hattest du einen. Schau, sagte er, ich habe mein Leben, und du hast deins. Wir sind Freunde, aber das heisst nicht, dass ich dir alles erzählen muss. Sara spürte, wie ihr Tränen die Wangen herunterliefen. Du bist dumm, sagte sie, du bist so schrecklich dumm. Victor streichelte ihre Schultern und redete beschwichtigend auf sie ein, aber sie stand auf und sagte mit kalter Stimme, er solle gehen. Such dir eine andere, die du ausnützen kannst. Er versuchte sie umzustimmen, aber dabei machte er die Sache nur schlimmer.

Nachdem er gegangen war, sass Sara noch eine Weile lang am Klavier. Unentschlossen drückte sie ein paar Tasten, aber die Töne schienen ihr falsch, und keine Melodie wollte sich bilden. Schließlich rückte sie den Klavierschemel zur Wand, stieg darauf und begann sorgfältig die Bastschnüre zu lösen, mit denen sie die Ranken des Philodendron festgebunden hatte. Es dauerte lange, bis sie alle Befestigungen gelöst hatte und die Pflanze in einem Haufen neben dem Klavier lag. Als sie sie mit der Gartenschere in kleine Stücke schnitt, kam es ihr vor, als würde sie ein empfindungsfähiges Wesen töten, aber nachdem sie das Grün in Mülltüten gesteckt und diese an die Straße gestellt hatte, war sie trotzdem erleichtert.

Stamm 2012, 131-146 

Fragen zur Diskussion

 

1. Zwei Beziehungen charakterisieren die Geschichte: die Beziehung von Sara zu Michael und die Beziehung von Sara zu Victor. Wie hängen diese beiden Beziehungen miteinander zusammen? 

2. Warum kämpft Sara so vehement darum, Michael als Klavierschüler behalten zu können? 

3. Inwiefern findet sich in der Geschichte Kritik am Lehrpersonal in den verschiedenen Bereichen? 

4. Welche Rolle spielt der Philodendron in der Geschichte? 

5. Welche Bedeutung hat der Titel der Geschichte? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter)

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