3. Mut zum Dissens

Berufsethos als Kernkompetenz

Die berufsethische Kompetenz ist neben der Beziehungskompetenz jene der 10 Professionskompetenzen, die in den im Lesebuch dargestellten Szenen erfolgreichen Lehrerinnen- und Lehrerhandelns am häufigsten zum Thema wird. Der Referenzrahmen der PH Luzern hält fest, dass zum verantwortungsbewussten Ausüben des Lehrberufs zusätzlich zur Erfüllung eines gesellschaftlichen Auftrags immer auch aktives Bemühen um Gerechtigkeit und Fürsorge gegenüber den einzelnen anvertrauten Heranwachsenden sowie deren Schutz vor jeglichen Formen von Diskriminierung und Benachteiligung gehören: „Die vielfältigen öffentlichen und pädagogischen Zielsetzungen und daraus folgenden Berufsaufgaben von Lehrerinnen und Lehrern sind teilweise widersprüchlich, sie können gar in Dilemmas führen. Individuelle Förderung und Selektionsfunktion, Gegenwartsprobleme und Zukunftsorientierung, persönliche Vertrauensbeziehung und öffentlicher Auftrag, einzelner Schüler und Klasse – die unterschiedlichen Berufsgruppen und die Stellung zwischen gesellschaftlichem Auftrag und individueller Förderung erfordern immer auch Werteentscheidungen.“ (Krammer et al. 2013, 15)

Mut zum Dissens in den Textbeispielen


Analysiert man die im Lesebuch enthaltenen Szenen insgesamt, so wird deutlich, dass unter berufsethischen Aspekten in der Mehrheit der Texte der Mut zum Dissens als Merkmal erfolgreichen Lehrerinnen- und Lehrerhandelns hervorgehoben wird. Ja, die Beschreibung des Muts zum Dissens bzw. der Aufruf zum Dissens gegenüber einem präetablierten, als unrichtig erkannten Konsens scheint geradezu die Hauptbotschaft der hier versammelten Beispiele der Schweizer Literatur zu sein, wenn sie erfolgreiches Handeln von Lehrpersonen thematisieren (dabei meint, wie gesagt, „Erfolg“ nicht immer das Resultat, sondern häufig auch nur die Intention entsprechender Bemühungen).


Jeremias Gotthelf

Mut zum Dissens zeigt sich bereits im Prolog, wo Jeremias Gotthelf im „Vorwort für Laien“ entschieden dem gängigen negativen gesellschaftlichen Image der Schulmeister entgegentritt.

Peter Bichsel

Im Essay „Die Volksschule – ein Geschäft ohne Partner“ wendet sich Peter Bichsel gegen die mutmassliche Mehrheitsmeinung des Lehrpersonenkollegiums, wonach durch seine Entschuldigung beim „streikenden“ Schüler ein „schwerwiegender Autoritätsverlust“ eingetreten sei, welcher der Schule Schaden zufüge. 


Hans Saner

Im Aufsatz «Der Lehrer und die Politik» postuliert Hans Saner, dass Lehrpersonen, im Interesse der Schülerinnen und Schüler, sich immer wieder begründet auch zu «Anwältinnen von Alternativen» machen sollen.  


Silvio Blatter

In Silvio Blatter „Zunehmendes Heimweh“ weigert sich der Lehrer Hans Villiger, seinen ehemaligen Schüler Lur zu „verpfeifen“, obwohl dieser straffällig geworden ist und die Polizei nach ihm sucht.


Peter Bichsel

In der Kolumne „Schreiben ist nicht ohne Grund schwer“ plädiert Peter Bichsel entgegen den nach der Mehrheitsmeinung schielenden „Politikern“ für die Abschaffung der Rechtschreibung.


Peter Bichsel

In der Rede vor dem VPOD ruft Peter Bichsel zum Widerstand gegen eine Schule auf, die unter dem gesellschaftlichen Druck zur „Arbeitserziehungsanstalt“ geworden sei, welche Lernunwilligkeit produziere. 


Helen Meier

 In Helen Meiers „Lichtempfindlich“ will die Lehrerin mit ihrem Sonderschüler Michael, der aus Eifersucht das Auto ihres Freundes beschädigt hat, reden statt gleich die Polizei zu rufen; da ihr Freund dies trotzdem tut, führt dieser Dissens gar zur Trennung des Paars.


Viola Rohner

In Viola Rohners „Unkraut» stellt sich Theresa gegen die Entlassung ihrer Lehrerin aus politischen Gründen, unterliegt aber, da die entsprechende Volksabstimmung in der Gemeinde negativ für die Lehrerin ausfällt.


Roger de Weck

Roger de Weck plädiert für den Respekt vor der Leistung von Lehrpersonen – dies inmitten einer Gesellschaft, die ihnen die Anerkennung mehr und mehr entziehe.


Erika Burkart

Erika Burkart protestiert in «Die Vikarin» gegen die anscheinend immer mehr von Effizienzdenken und Konkurrenzdruck geprägte «Schullandschaft 2003».


Thomas Hürlimann

Am Beispiel von Pater Kassian engagiert sich Thomas Hürlimann für die dem gesellschaftlichen Konsens entgegenstehende «originelle» Lehrerpersönlichkeit.


Fabio Pusterla

Fabio Pusterla verteidigt die Schule gegen eine Gesellschaft, in der es Konsens sei, von den guten Lehrerinnen und Lehrern viel zu wenig zu sprechen.


Isabelle Flükiger

In Isabelle Flükigers «Bestseller» bleibt Mathieu sich und seiner Aufgabe treu, hält dem Druck der Eltern, des Rektors und des Schülers stand und weigert sich, die geforderte ungerechtfertigte Notenänderung vorzunehmen.


Peter Stamm

In Peter Stamms «Der letzte Romantiker» kämpft Sara, die Klavierlehrerin, gegen den geballten Konsens von Musikschulleiter, Klassenlehrer und Schwimmlehrer, wonach es richtig sei, Michael aus dem Klavierunterricht zu nehmen, obwohl sie dadurch viel Ablehnung, ja Demütigung in Kauf nehmen muss.


Christian Haller

In Christian Hallers «Das unaufhaltsame Fliessen» unterläuft der Ich-Erzähler die konsensuelle Erwartung der in seinem Unterricht in corpore anwesenden Schulpflege, wonach er den wiederholt zu spät zum Unterricht erscheinenden «Problemschüler» massregeln müsse; stattdessen heisst er ihn ausdrücklich willkommen, nennt ihn bei seinem Namen, begrüsst ihn mit Handschlag, stellt sich selber vor und begleitet ihn an seinen Sitzplatz. 


Die demokratiepolitische Bedeutung des Mutes zum Dissens

In einem Essay zur pädagogischen Bedeutung des Dissenses vertritt Roland Reichenbach die These, dass es gelegentlich weniger der gelingende, in einer Konsenslösung endende Diskurs sei, der pädagogisch bedeutsam ist, als vielmehr der teilweise gescheiterte Diskurs, an dessen Ende die Teilnehmenden in wesentlichen Fragen im Dissens verblieben, und dass die Voraussetzung zu wechselseitigem Respekt nicht unbedingt im Gemeinsamen liegen müsse, sondern auch im Differenten liegen könne. Im Unterschied zu «Konsenskompetenzen» sei «Dissenstauglichkeit» (Reichenbach zieht diesen Begriff dem «Mut zum Dissens» vor) ein persönliches Ethos, eine Anstrengung, weshalb sie Achtung verdiene. Dissenstauglichkeit sei auch demokratiepolitisch bedeutsam: «So ist es (…) gerade für demokratische Lebensformen entscheidend, dass mit Dissens gelebt werden kann.» (Reichenbach 2000, 802) Mut zum Dissens als demokratische Tugend: In dieser Optik hat die Beschäftigung mit Texten gelingenden Handelns von Lehrerinnen und Lehrern in der jüngeren Schweizer Literatur letztlich nicht nur eine literarische und pädagogische Bedeutung, sondern leistet auch einen Beitrag zur Qualität des öffentlichen Diskurses und mithin zur politischen Bildung.