Simone Weinmann

 

 

 

 

Simone Weinmann (*1979) ist Astrophysikerin, hat am Max-Planck-Institut in München gearbeitet und unterrichtet gegenwärtig Physik in der Erwachsenenbildung in Zürich. Sie absolvierte einen Lehrgang «Literarisches Schreiben» und war Stipendiatin des «Romanseminars» im Literaturhaus München. 

Kontext


Simone Weinmanns Debütroman ist eine Dystopie. Wir schreiben das Jahr 2045. Seit dem «Tag Null», einer menschengemachten Umweltkatastrophe, sind 15 Jahre vergangen. Die Folgen sind gewaltig. Das Tageslicht hat sich verfinstert, es gibt keinen Strom mehr, der Verkehr ist zusammengebrochen, es mangelt an Gesundheitseinrichtungen und Medikamenten, religiöse Sekten haben Zulauf, kriegerische Auseinandersetzungen greifen um sich. Im Zentrum des Romans steht der 15jährige Nathanael, den seine Eltern aus der Schule nehmen, obwohl er begabt und wissbegierig ist und unbedingt Arzt werden möchte. Aber seine Mutter hat eine Laufbahn als Sekten-Prediger für ihn vorgesehen. Doch Nathanael hat von einem noch funktionierenden Polytechnikum in Italien gehört; er beschliesst, dorthin aufzubrechen. Auch Vanessa, eine Mitschülerin, will weg von ihrer depressiven Mutter und aus der Enge des Dorfs. Bei Nacht und Nebel machen sie sich gemeinsam auf den Weg. Als man ihre Abwesenheit entdeckt, reist ihnen ihr Lehrer Gruber nach und versucht sie zurückzuholen (vgl. Textausschnitt). Anders als die Jugendlichen erinnert er sich noch an die Zeit vor der Katastrophe und ist traumatisiert. Aber er merkt, dass er Nathanael und Vanessa nicht im Stich lassen kann, zumal der Weg durch gesetzloses Gebiet lebensgefährlich ist und er vermuten muss, dass im Heimatdorf im Norden Gewalt ausgebrochen ist. So begleitet er die beiden auf dem Weg in den Süden. Der Roman kommt an sein Ende, als im langen, dem Gotthardtunnel nachempfundenen Tunnel vom Südportal her Licht ins Dunkel fällt.

Text

(…) »Was schauen Sie denn so«, fragte Vanessa. (…)  Sie mochte es immer noch nicht besonders, mit Gruber allein zu sein.

Gruber blinzelte. »Ich musste nur daran denken, wie du Jakob die Nase gebrochen hast«, sagte er.

»Er hat es verdient«, sagte Vanessa. Und es hatte gewirkt. Jakob hatte danach einen weiten Bogen um sie gemacht.

»Vielleicht.«

»Wieso haben Sie mich dann so lange nachsitzen lassen?«, fragte Vanessa.

Gruber antwortete nicht und stocherte in seinem Brei. Eigentlich war das Nachsitzen nicht schlimm gewesen, dachte Vanessa. Gruber hatte ihr einen frischen Lindenblütentee gekocht. Und sie hatten sich darüber unterhalten, was man dagegen tun könnte, dass die Schnecken den Kohl wegfrassen.

»Nathanael hat heute Morgen gefragt, ob du gegangen bist«, sagte Gruber.

Vanessa zuckte mit den Schultern. Sollte sich Nathanael ruhig ein bisschen Sorgen machen.

»Komm mit uns zurück«, sagte Gruber. »Später kannst du immer noch auswandern.«

Wut schoss durch Vanessa. Was stellte er sich vor?

»Nein«, sagte sie. Sie hatte nicht vor, ihr Leben in dem kleinen Dorf zu verbringen, mit immer denselben Leuten um sich herum. Jakob, Sarah, ihrer Mutter. Erwin.

Gruber seufzte und legte seinen Löffel ab.

»Nathanael sagt das Gleiche«, sagte er. »Aber ich glaube, er vermisst seine Brüder.«

Natürlich fehlten ihm seine Brüder. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er einlenkte und mit Gruber mitging. Er war immer ein folgsamer Schüler gewesen.

»Wenn ich ohne Nathanael gegangen wäre«, sagte Vanessa, »hätten Sie mich nicht gesucht. Reden Sie mir nicht drein.« Sie stand auf.

Gruber schaute sie an. »Nathanael war Ihr Lieblingsschüler«, sagte sie. »Darum sind Sie uns gefolgt.«

»Ich hatte ein schlechtes Gewissen«, sagte Gruber. »Ich hätte nicht zulassen sollen, dass seine Mutter ihn aus der Schule nahm.«

Vanessa fühlte, wie ihr Zorn stärker wurde. Sie verschränkte die Arme und presste sie aneinander.

 »Es gibt Schlimmeres«, sagte sie. Auf Nathanaels Eltern war Verlass. Und auch wenn sie mit ihrem Glauben bestimmt nervten, hatten die drei Jungs wenigstens einander.

 Gruber stand auch auf. Sie bemerkte, dass sie unterdessen fast so groß war wie er. War sie in den letzten Wochen gewachsen, oder war er geschrumpft?

»Ich hätte dir helfen sollen, Vanessa«, sagte er.

«Was meinen Sie?«

»Ich hätte auch mit deiner Mutter reden müssen. Sie -«

»Das hätte nichts gebracht.« 

«Mir hätte es leidgetan, wenn du nicht mehr in die Schule gekommen wärst.«

»Blödsinn«, sagte Vanessa. Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen.

»Es stimmt aber«, sagte er.

Sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, und das ärgerte sie. Es war egal, was Gruber von ihr dachte. Sie blickte zu Boden.

«Wir haben uns doch ständig gestritten«, sagte sie leise.

Gruber schwieg. Sie blickte wieder auf. Er sah aus, als suchte er nach einer Antwort, aber es schien ihm keine einzufallen.

»Schon gut«, sagte Vanessa.

»Ich hatte nie etwas gegen dich«, sagte er. »Ich musste meine Rolle spielen. Was hätte ich sonst tun sollen? Ich wusste auch nicht, ob es richtig war, Jakob auf die Nase zu hauen oder nicht. Ich habe schon gesehen, wie er dich dauernd provoziert hat.«

Vanessa schwieg. »Sie glauben also nicht an Ihre eigenen Regeln?«, fragte sie.

»Doch«, sagte Gruber. »Aber es gibt immer Ausnahmen. Jeder Schüler ist eine Ausnahme. Ich mag das nicht. Regeln, Ausnahmen, Regeln, Ausnahmen. Wie bei der Grammatik. Nur schlimmer. Darum habe ich Informatik studiert. Nicht Pädagogik.«

Es erstaunte sie, mit wie viel Wut er das Wort aussprach.

»Am Politecnico gibt es vielleicht auch wieder das andere da. Was Sie davor gesagt haben«, sagte sie schnell. Wenn er so unterrichtete, konnte er genauso gut ungern sie begleiten. Ihnen helfen, durch den Tunnel und weiter zu reisen, und dann mit Nathanael am Politecnico bleiben.

»Informatik?«, sagte Gruber. »Dieses Fach ist nun wirklich tot.«


»Vielleicht gibt es etwas Ähnliches«, hakte sie nach. Wollte sie ihn überhaupt dabeihaben? Es wäre sicherer. Aber er würde ihnen dreinreden.

»Nein«, sagte Gruber. »Ich bringe Nathanael zurück ins Dorf. Und du solltest mitkommen. Ich glaube, dass ihr bei euren Eltern bleiben solltet, bis ihr erwachsen seid. Obwohl diese Eltern nicht perfekt sind.« Er schwieg für einen Moment. Nicht perfekt, dachte Vanessa. So konnte man es auch ausdrücken. »Vor euch liegt ein ganzes Leben, in dem ihr euch allein durchschlagen müsst. Lasst euch Zeit. Du brichst doch auch nicht zu einer Reise auf, bevor du dein Gepäck zusammenhast.« 

Aber ich habe mein Gepäck zusammen, dachte Vanessa.

»Ich hatte diese Zeit nicht«, sagte Gruber. »Ich konnte mich nicht vorbereiten. Von einem Tag auf den anderen war alles weg.» Er blickte zu Boden und schwieg.

Der Tag Null, dachte Vanessa. Die Erwachsenen kamen nicht über ihn hinweg. Darum wollten sie an dem festhalten, was sie hatten. Was Gruber nicht wusste, war, dass es auch für sie plötzlich gewesen war. An einem Tag hatte sie alles noch ertragen, die Mutter, den Ärger in der Schule, das Dorf. (...) Und dann, von einem Tag auf den anderen, hatte sie genug gehabt. Es war keine Wahl gewesen. Ihr Alter, und ob sie die Schule abgeschlossen hatte oder nicht, spielte gar keine Rolle. (…)

Weinmann 2021, 229-232

Fragen zur Diskussion

1. Was erfährt man in diesem Textausschnitt aus der Vergangenheit der Beziehung zwischen Gruber, dem Lehrer, und Vanessa, der Schülerin? 

2. Wie lässt sich die Persönlichkeit Grubers kennzeichnen? 

3. Wie unterscheiden sich die Schülerin und der Lehrer im Umgang mit der Katastrophensituation, in der sie sich befinden?  

4.Was könnte das «Politecnico» jenseits des Tunnels symbolisieren?  

5. Die Erzählweise ist weitgehend auktorial, und die Positionen von Gruber und Vanessa werden im Dialog in direkter Rede wiedergegeben. Inwiefern kommt bei Vanessa auch eine davon abweichende Erzählperspektive vor? Mit welcher Wirkung?  

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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