Roger de Weck

 

 

 

 

Roger de Weck (*1953) studierte Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen. Er arbeitete lange Jahre als Publizist und als Journalist in leitender Stellung (unter anderem Chefredaktor der Zürcher «Tages-Anzeigers» und der Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit»). Im Schweizer Fernsehen moderierte er die Sendung «Sternstunde Philosophie». Von 2011-2017 war er Generaldirektor der SRG. Seither schreibt er Bücher (unter anderem über die Tugenden der Demokratie) und macht sich stark für Anliegen von Flüchtlingen und der Klimajugend. 

Bild:  Marc Wetli

Kontext


Der Text ist eine der Kolumnen, die Roger de Weck eine Zeitlang regelmässig für das Magazin des Tages-Anzeigers verfasst hat.

Text

Was des Lohns wert ist

Dem Deutschlehrer Peter Wolf verdanke ich zweierlei: dass er mir Deutsch beibrachte und, als es so weit war, ein grünes Taschenbuch schenkte, den «Stechlin» von Theodor Fontane.

Der Lehrer verschönerte das Leben seines Schülers. Als ich den Roman las, ging es mir wie dem Verliebten, der laut Hormonforschung drei Phasen durchläuft - Begehren, Anziehung, schliesslich Bindung. An Fontane hänge ich, bis der Tod mich von ihm, der bleiben wird, scheidet.

Wolfs Leistung für Aberhunderte von Schülerinnen und Schülern ist grösser, wertvoller und nachhaltiger als die manchen Managers, der unsere «Wissensgesellschaft» feiert. In ihrem Mittelpunkt müsste der stehen, der am meisten Wissen vermittelt: der Lehrer. Die Lehrerin. Das Gegenteil trifft zu: Je mehr von der Wissensgesellschaft die Rede ist, desto stärker verlieren Lehrer an Ansehen. 

Über die Jahre hat weder ihr Status noch ihr Einkommen Schritt gehalten mit demjenigen der Manager und Personalabbauer. War das so gemeint mit der Wissensgesellschaft: dass die Chefs viele Mitarbeiter und damit viel Erfahrungswissen preisgeben?

Jetzt sind wir an dem Punkt, da die meisten Unternehmer mehr Geld und die meisten Lehrer weniger Geld verdienen als früher. Irgendetwas stimmt nicht. Das spüren Gerhard Schwarz, Leiter des Wirtschaftsressorts der «Neuen Zürcher Zeitung», und Roger Köppel, Chefredaktor der «Weltwoche». Schwarz jedoch wendet ein, die Firmenchefs hätten sich «nicht auf Kosten der Allgemeinheit» bereichert, sondern zu Lasten der Aktionäre; so sei «die Zeit reif für einen Aufstand der Aktionäre». Köppel freut sich, dass uns die «sozialverträgliche Eingliederung der Extremwohlhabenden» gelungen sei: «Die Schweizer neiden sich den Reichtum nicht, sie anerkennen ihn als Resultat von Leistung und harter Arbeit, die jeden belohnt, der sich wirklich einsetzt.»

Wie man als hart arbeitender und sich leidenschaftlich einsetzender Lehrer extremwohlhabend wird, erklärt uns Köppel nicht. Wie die Lehrerinnen- und Lehrerlöhne mithalten sollen, wenn der Staat auf Druck ultrawohlhabender Manager die Steuern senkt und seine Einnahmen verringert, darauf verschwendet er keine Zeile.

Warum allein der Aktionär zuständig sei für ein vernünftiges Lohngefüge, damit auch künftig erstklassige Leute lieber Lehrer als Manager werden, sollte uns mein Freund Gerhard Schwarz erläutern. Wenn Manager masslos und ziemlich steuerfrei verdienen, tun sie das zu Lasten des Gemeinwesens: Auch der Bürger darf aufstehen. Wer zu Ende denkt, was die NZZ schreibt, wird zum Aufstand der Bürger (inklusive Aktionäre) aufrufen - auf dass Peter Wolfs Nachfolger so gut werden wie Peter Wolf.

«Der Stechlin» ist ein Meisterwerk Fontanes. Ein anderes aus dem Jahr 1892 ist «Frau Jenny Treibel», dessen eigentliche Hauptfigur nicht die Bourgeoise Treibel ist, sondern ihr verschmähter Verehrer Wilibald Schmidt, ein grossartiger Lehrer, der «an die reelle Macht des wirklichen Wissens» glaubt, so heftig und so mild wie Fontane selbst. Der Autor sagte, er habe «das Hohle, Phrasenhafte» des bürgerlichen Standpunkts zeigen wollen.

De Weck 2002, 11 

Fragen zur Diskussion

 

1.Worin unterscheidet sich das gesellschaftliche Ansehen von Lehrpersonen und von Managern? 

2. Was wird an Lehrpersonen geachtet und an Managern kritisiert? 

3. Inwiefern scheint Ihnen diese Wertung gerechtfertigt?  

4. Welche Rolle spielt die Literatur in diesem Text? 

5. Inwiefern gibt es für Sie Bücher, denen Sie gleichsam im Zustand der/des «Verliebten» gegenüberstehen? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Text besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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