Claudia Storz

 

 Claudia Storz (*1948) studierte Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich und in Oxford. Von 1973 bis 1980 war sie Englischlehrerin an der Alten Kantonsschule Aarau, seitdem ist sie freie Schriftstellerin. Sie verfasste mehrere Romane und Erzählungen, aber auch Theaterstücke und Lyrik sowie ein literarisches Porträt des Aargauer Schriftstellers Hermann Burger («Burgers Kindheiten»). 

Kontext


Der Text ist die integrale, titelgebende Geschichte im Erzählband «Geschichte mir drei Namen».

 

Text

 

 Ich hatte die Klasse vor zwei Wochen angetreten, zwanzig zwölfjährige Schüler, und jetzt lag der erste Aufsatz vor mir. Es war eines dieser neugierigen Aufsatzthemen, die etwas Licht in den Hintergrund der Schüler bringen sollen, ein Aufsatz über die Familie, über das «Wie verbringe ich meinen Sonntag» oder «Ich stelle mich vor». Ich las und korrigierte, versuchte, mir hinter der krakeligen Schrift das Gesicht in Erinnerung zu rufen, die Familie. Ich kannte die Vornamen schon alle, die Nachnamen versuchte ich mir jetzt dazu einzuprägen. Als ich den Aufsatz von Andres Eberhard las, stutzte ich: Der Aufsatz war so seltsam. Wer war Andres Eberhard? Ich wusste sicher, dass der kleine Andres in meiner Klasse Lüthi hieß. Ich schaute im Schülerverzeichnis nach. Ich hatte nur einen Andres in der Klasse: Andres Lüthi. Dieser hatte keinen Aufsatz abgegeben, dafür lag der Aufsatz eines fremden Schülers vor. Ich las den Aufsatz, korrigierte ihn, er war eigenartig prahlerisch, es kamen keine Geschwister vor, keine Eltern; Andres erzählte nur, wie er im Bett bleibe den ganzen Sonntag, wie er einen Eisschrank voll der leckersten Dinge leere und wie er bis Mitternacht fernsehe, wie er auch Geld zur Verfügung habe, um am Flipperautomaten im nahen Restaurant zu spielen. Ich las dies alles eher halbherzig, immer in der Gewissheit, dass dieser Andres ja nicht mein Schüler sei und deshalb nicht meiner Klassifizierungs- und Psychologisierungsfreude anheimfallen musste.

Als ich die Hefte zurückgab, fragte ich meine Schüler: «Kennt jemand von euch einen Andres Eberhard?» Andres Lüthi meldete sich. «Wie kommt es, dass dieser Andres mir einen Aufsatz abgibt und dafür deiner fehlt?» Andres wurde rot. «Es ist mein Aufsatz», sagte er. «Und seit wann schreibst du unter Pseudonym?» fragte ich, um die Klasse zum Lachen zu bringen. «Ich heiße jetzt Eberhard… bald», sagte der Junge, «ich möchte meinen Namen ändern.» «Das musst du mir bitte nach der Stunde erklären», antwortete ich.

Andres kam nach der Stunde nach vorn und erklärte, er bekäme bald einen neuen Vater, seine Mutter würde heiraten, und er wolle den Namen des Vaters annehmen, Ich fand das einleuchtend und liess die Sache dabei bewenden, strich den Namen Lüthi im Schülerregister durch und setzte stattdessen Eberhard ein.

Richtig aufmerksam auch auf den Inhalt des Aufsatzes wurde ich jedoch, als ich nach einem halben Jahr eine schriftliche Arbeit eines Schülers namens Andres Egger in den Händen hielt. Jetzt war ich gewappnet. Ich kannte inzwischen Andres' Einfälle, die prahlerischen Einschübe und orthographischen Fehler. Wieder ein neuer Vater, dachte ich und ging diesmal etwas behutsamer vor, als ich Andres bat, nach der Stunde bei mir zu bleiben.

«Ich dachte, du heisst jetzt Eberhard?» fragte ich. «Nein, ich mag den Freund meiner Mutter nicht, ich will nicht, dass sie heiraten, ich hasse ihn, er säuft, er schlägt sie, und sie streiten nachts, wenn sie nach Hause kommen. Ich möchte nicht so heissen wie er.» «Und Egger, was soll denn Egger bedeuten?» «Egger heisst meine Stiefmutter, sie wird mich adoptieren.»

 «Ich glaube, du stellst dir das etwas einfach vor, Andres! Namen und Familien sind etwas Angeborenes, man kann damit nicht umgehen wie mit einem Kleid, das man ablegt, um ein neues auszusuchen.»

Ich erfuhr, dass Frau Egger eine Nachbarin war, dass sie auch einen Sohn hatte, immer sehr nett zu Andres sei, ihm nach der Schule zu essen gebe. Die Mutter arbeite nachmittags, und seit sie diesen Freund habe, sei es ihr gleich, ob Andres nach Hause komme oder nicht.

Ich ließ mir von Andres die Adresse von Frau Egger und seiner Mutter geben.

Frau Egger erzählte mir dann von Andres. Sie wohnte im selben Block wie die Lüthis, auch sie war alleinstehend und hatte einen Jungen. Sie arbeitete halbtags und brachte ihr fünfjähriges Kind am Morgen in die Krippe. Sie hatte nun festgestellt, wie sich eine Freundschaft zwischen dem zwölfjährigen Andres und ihrem Sohn entwickelte. Andres spielte jeden Abend stundenlang draussen mit dem viel jüngeren René. Eines Tages hatte René den großen Freund kurzerhand zum Abendessen mitgebracht. «Er bekommt zu Hause nichts zu essen...», hätte er erklärt. Andres hatte gelacht, natürlich hätte er zu essen, der ganze Eisschrank sei voll. Und dann dürfe er fernsehen, solange er wolle. Seine Mutter komme erst nachts um zwei Uhr zurück.

Andres sei dann regelmäßig zum Essen gekommen, er habe geholfen, René ins Bett zu bringen, und da sie keinen Fernseher besitze, habe sie Andres nach dem Essen seine Aufgaben bei ihr am Tisch machen lassen, sie sei ja abends auch allein. 

«Und von Andres' Plan, von Ihnen adoptiert zu werden, haben Sie schon gehört?» Sie lachte: «Ich könnte mir vorstellen, dass ich ihn während der Woche als Pflegekind nähme, doch das müsste ich natürlich mit Frau Lüthi besprechen.»

Frau Lüthi war dagegen. Sie hatte das Kind allein grossgezogen, jetzt da es selbständig war und allein für sich sorgen konnte, wollte man es ihr wegnehmen. Und dann sollte sie auch noch dafür zahlen. Erst nach einigen Gesprächen - ich betonte als Lehrerin, dass Andres seit kurzem seine Aufgaben so gut mache und in der Schule nicht mehr so zerfahren und unausgeschlafen wirke - glaubte Frau Lüthi selber, dass es für sie eine Hilfe sei, ihren Sohn abends versorgt und beaufsichtigt zu wissen, dass es für Frau Egger aber auch eine Hilfe sei, etwas dazuzuverdienen.

Trotzdem: Andres heisst immer noch Lüthi. 

Storz 1986, 83-89



Fragen zur Diskussion

1. Die Geschichte hat ein gutes Ende. Welche der auftretenden Figuren trägt in welcher Weise dazu bei? 

2. Inwiefern stehen die Inhalte von Andres’ Aufsätzen in einem Zusammenhang mit seinen Lebensumständen? 

3. Welche Bedeutung schreiben Sie grundsätzlich der Verwendung von Eigennamen im schulischen Kontext zu? 

4. Wie verstehen Sie den Schluss-Satz («Trotzdem: Andres heisst immer noch Lüthi»)? 

5. Es handelt sich um eine Ich-Erzählung. Was würde sich in ihrer Wirkung ändern, wenn die Autorin die Er/Sie-Form gewählt hätte? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in dieser Erzählung besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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