Lukas Bärfuss

 

 

 

 

Lukas Bärfuss (*1971) durchlief eine unglückliche Schullaufbahn, die unter anderem auch eine sehr früh abgebrochene Ausbildung am Lehrerinnen- und Lehrerseminar umfasste. Zwischen dem 16. und dem 20. Lebensjahr war er verschiedentlich obdachlos und machte die Erfahrung von materieller Armut. Er arbeitete als Buchhändler, holte das Berufsdiplom nach und eignete sich autodidaktisch breiteste geistes- und kulturgeschichtlichen Kenntnisse an. Seit 1997 ist er als freier Schriftsteller und seit 2007 sporadisch auch als Hochschuldozent für literarisches Schreiben tätig. Sein Werk umfasst zahlreiche Theaterstücke, Romane, Novellen und Essays, in denen er unter anderem immer wieder einen kritischen Blick auf die Schweizer Politik wirft. 2019 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis zuerkannt, der bedeutendste Literaturpreis im deutschsprachigen Raum. 

Kontext


Die «Ode an die Lehrer» ist eines der 24 Stücke im Essayband «Stil und Moral». Sie geht zurück auf eine Diplomansprache, die Lukas Bärfuss 2014 auf Einladung der Pädagogischen Hochschule Luzern gehalten hat. Darin wird angespielt auf den 2008 erschienenen, mittlerweile in 15 Sprachen erschienenen Roman «Hundert Tage», der sich mit dem Völkermord in Ruanda und mit der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Afrika befasst. Im Essayband befindet sich auch eine «Ode an die Schüler», die auf eine Maturarede von Lukas Bärfuss an der Kantonsschule Enge in Zürich zurückgeht. (Bärfuss 2018, 162-173)

Text

Ode an die Lehrer

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren

 Zuerst möchte ich Ihnen herzlich gratulieren

 zu diesem bestandenen Diplom

 

 Eine Befähigung

 für keinen beliebigen Beruf

 ein Diplom für die wichtigste Tätigkeit

die unsere Gesellschaft zu vergeben hat

Die Erziehung und Bildung unserer Kinder

 

Das ist eine große Verantwortung

Und ich möchte Ihnen auch als Vater

herzlich danken

dass Sie sich ihr stellen wollen

 

(…)

 

Nein, die Schule und ich

das ist wirklich kein Liebesverhältnis

 

Ich hasste die Schule

Aber ich liebte meine Lehrer

Das ist etwas seltsam, ich weiss

Aber grundsätzlich kein Widerspruch

 

Ich brauchte keinen Stundenplan

Ich brauchte keinen Lehrplan

Ich brauchte keine Pulte

Ich brauchte keine Prüfungen

 

Was ich hingegen nötig hatte

das waren Lehrer

 

So wie diesen Stellvertreter in der siebten Klasse

ein Mann mit Bart der uns Gedichte vorlas

 

Nicht etwa

weil sie im Lehrplan standen

Er las uns Gedichte vor

weil er Gedichte liebte

Gedichte waren ihm wichtig

Lebenswichtig

Und er teilte im Grunde auch keine Gedichte mit uns

Er teilte seine Liebe 

Er teilte seine Leidenschaft

 

(…)

 

Ich hasste das Turnen

Die Reckstangen

Die Schwedenkästen

Die Stafetten

Die Dauerläufe

 

 

Das alles boykottierte ich eines Tages

Ich machte einfach nicht mehr mit

Und deshalb gehöre ich zu den wenigen

die im Turnen

eine Drei im Zeugnis stehen haben

 

Ich hasste also Sport

und wäre beinahe dafür verloren gewesen

Dick

Fett

und mittlerweile herzkrank

 

Aber da gab es diesen Lehrer

Und der hatte dieses Fahrrad

Ein Tourenrad

Nabendynamo

Halogenscheinwerfer

Kartenhalter

Satteltaschen

 

Ein Rad

mit dem man die Welt erobern konnte

Was dieser Lehrer auch gemacht hatte

Bis nach Spanien war er damit gekommen

und einmal sogar ans Nordkap

 

Im Unterricht zeigte er uns Bilder davon

von seinen Reisen an den Rand Europas

 

Ich wollte auch ans Ende der Welt reisen

ich wollte auch so frei sein 

Nichts benötigen als ein paar gute Beine

Und ein gutes Rad 

 

Ich suchte mir also Arbeit

In einer Bäckerei putzte ich Bleche

und erstand mit dem verdienten Geld ein Rad

 

Bis nach Spanien bin ich damit nicht gekommen

Und auch nicht bis ans Nordkap

Aber ich habe jede Strasse

jeden Weg und

jeden Hügel und

jeden Pass

im Umkreis von dreißig Kilometern abgefahren

Tagelang bis zur vollständigen Erschöpfung

 

Diese Liebe ist mir geblieben

Sport ist mir immer noch fremd

Aber ich liebe mein Rad

 

(…)

 

 

Meine Schule war eine Tragödie

Die Schule ist an mir gescheitert

Aber meine Lehrer waren sehr erfolgreich

 

Es war eine Kränkung

Die Kränkung einer Lehrerin

die mir das erste Buch

die mir den ersten Roman geschenkt hat

Die Kränkung durch eine schöne Frau

in einem goldenen Mazda

Fräulein Bovet

hiess sie

meine erste grosse Liebe

in der dritten Klasse

da war ich neun

 

Sie war es

die mir ein kleines Land im Herzen Afrikas nahebrachte

Das Land der tausend Hügel

Das Land des ewigen Frühlings

Ein Land

wo das Leben noch rein war

unverdorben von der Zivilisation

Arm

aber unverdorben

 

Sie zeigte uns

wie die Menschen dort lebten

Sie machte uns mit einer Familie bekannt

der Familie Nahimana

in einem bunten Bilderbuch

 

Wir erfuhren

wie man in diesem Land Brot bäckt

Und was man aus einer Kalebasse

alles schnitzen kann

Ein Gefäss

Ein Musikinstrument

Ein Spielzeug

 

Für mich wurde dieses kleine Land

 

zum Sehnsuchtsort 

Die Sehnsucht nach der Ferne

Die Sehnsucht nach dem Ursprung

Die Sehnsucht nach der Verbundenheit

mit der Natur

und mit dieser sanften, schönen Frau

unserer Lehrerin

 

Und jedes Mal 

wenn ich in meiner Kindheit von Afrika hörte

dachte ich an sie

an das Bild

das sie uns von diesem Kontinent geschenkt hatte

 

Viele Jahre später

Ich war schon erwachsen

begegnete ich diesem Land wieder

Aber jetzt war es kein Sehnsuchtsort

Kein Land der Unschuld

Das war es nie gewesen

das musste ich jetzt lernen

auch nicht damals

als Fräulein Bovet uns davon erzählte

 

Schon damals hatte es dort 

nicht nur tausend Hügel gegeben

sondern auch tausend Massaker

 

Nicht Liebe regierte das Land

sondern ein Diktator

 

 

Und die Menschen lebten nicht in Einheit

Sie lebten getrennt und in Apartheid

 

Schon damals das Gegenteil eines Paradieses

und nahe jener perfekten Hölle

die man nun täglich im Fernsehen vor Augen geführt bekam

 

Zu Hunderttausenden brachten sie

ihre Brüder und Schwestern um

 

Mit Macheten und mit Handgranaten

Frauen, Kinder, Alte, ohne Unterschied 

 

Und aus jener freundlichen Familie Nahimana

die uns das fröhliche «Muraho» zugerufen hatte

das war ziemlich wahrscheinlich

waren nun gewöhnliche Mörder geworden 

 

Aber das Bild

das Fräulein Bovet uns gezeigt hatte

die Idylle, der Friede, das Glück

liess sich nicht vertreiben

 

Und ich hatte zwei Bilder im Kopf

Zwei Bilder und eine Frage

 

Warum hat sie uns damals nichts davon erzählt

Warum nichts von den Problemen

Nichts von den Ungerechtigkeiten

Nichts von der Diktatur

 

Und um eine Antwort zu finden begann ich zu lesen

Aber ich fand das Buch nicht

das mir meine Kränkung erklärte

Dieses Buch musste ich selber schreiben

 

Die Enttäuschung einer kindlichen Hingabe

eines kindlichen Vertrauens

Wenn Sie so wollen

wurde zum Motor eines Schriftstellers

 

Eine Schule habe ich nicht gebraucht

Aber ohne Lehrer wäre ich ärmer

 

Und deshalb möchte ich Sie aufrufen

Kümmern Sie sich nicht nur um Lehrpläne

Nicht nur um Fachdidaktik und Evaluationen

Und Evaluationen der Evaluationen

 

Das ist den Kindern alles einerlei 

Sie brauchen keine Systeme

Kinder brauchen keine Schule

 

Aber sie brauchen Lehrer

Die Kinder brauchen Sie

Ihre Leidenschaften

Ihre Begeisterung

Und auch Ihr Unverständnis

und auch Ihren Ärger und die Angst

Kinder brauchen Erwachsene

die ihnen zeigen

wie das gehen könnte

dieses Spiel

ein Mensch zu werden

 

Bärfuss 2018 (Nachdruck), 151-161 

Fragen zur Diskussion

1. In welchem Verhältnis zur Gesellschaft steht gemäss Bärfuss der Lehrberuf? 

2. «Ich hasste die Schule, aber ich liebte meine Lehrer», heisst es im Text. Welche Begriffe bringt Bärfuss vor diesem Hintergrund mit der Schule in Verbindung? 

3. Um welcher Eigenschaften willen sind Lehrerinnen und Lehrer liebenswert? 

4. Welche Bedeutung hatten die Lehrpersonen für Bärfuss persönlich? 

5. Zu welchem Verhalten von Lehrpersonen ruft Bärfuss am Schluss der Diplomrede auf? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt?

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter).  

Vimeo

Inhalte von Vimeo werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf “Zustimmen & anzeigen”, um zuzustimmen, dass die erforderlichen Daten an Vimeo weitergeleitet werden, und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutz. Du kannst deine Zustimmung jederzeit widerrufen. Gehe dazu einfach in deine eigenen Cookie-Einstellungen.

Zustimmen & anzeigen