Nachwort von Philipp Theisohn


Die von Hans-Rudolf Schärer in diesem Lesebuch mit Akribie gesichteten und zusammengeführten literarischen Bilder pädagogischen Handelns weisen vor allem anderen auf, dass die Bewährung von Lehrpersonen nicht allein im Klassenzimmer stattfindet. Gefordert ist die Trias aus Einfühlung, Analyse und Entscheidung, das Gespür für die Möglichkeiten der Anbefohlenen und für dasjenige, was sie auf dem Weg dorthin hemmt, immer dort, wo sich zwischen das Lernen und das Verstehen das Leben schiebt – und das findet sich eben nur bedingt im Unterricht. Vielmehr begleitet die Begegnung von Lehrperson und Schülerschaft stets all das, was vor der Tür, im Privaten stattfindet, und es gibt für diesen Sachverhalt vermutlich kaum schönere Illustrationen als jene seltsame Gemeinschaft, die der junge Lehrer in Christian Hallers Das unaufhaltsame Fließen (2017) mit einer als schwierig geltenden Klasse eingeht. Hier der Pädagoge, der mit einer Menge an – negativen – Vorinformationen die Jugendlichen wahrnimmt; dort eine Ansammlung von Verrufenen, deren Tun und Wollen einzig darauf angelegt ist, »nach Lücken oder Sprüngen in meinem Auftreten [zu suchen], um einzudringen und die Autoritätsperson, die in Jackett und gebügelter Hose vor ihnen stand, aufzusprengen« (Haller 2017, 66). Das Festhalten am Vorsatz, irgendeinen Pfad in das Herz dieser Gruppe zu finden, führt den Lehrer nach anstrengenden Wochen schliesslich zum Erzählen zurück: »Schreib nicht an die Figuren heran, sondern aus ihnen heraus« – das ist eine poetologische Regel, aber, wie sich hier zeigt, auch eine pädagogische. Wer das Leben seiner Schüler ausserhalb der Schule zu erzählen vermag, der vermag auch zu begreifen, wie sie in der Schule funktionieren. Die Fähigkeit, Anreize zu setzen, zu motivieren, falsche von richtigen Zielen zu trennen, erwächst aus der literarischen Tätigkeit.

Die Affinität vieler Schweizer Autorinnen und Autoren zum Lehrberuf hat somit nicht nur etwas Gutes, sondern ist auch aus dieser inneren Verwandtschaft der Tätigkeitsfelder zu erklären. Diese besteht auch dann noch fort, wenn der Mensch, der dieses Auslesen und Auserzählen über Jahrzehnte in Bildungsanstalten eingeübt hat, sein Amt verlässt. Nicht von ungefähr lässt Tabea Steiner in ihrem bewegenden Romandebüt Balg (2019) den pensionierten Lehrer Valentin zum Begleiter und Hermeneuten des ›Systemsprengers‹ Timon werden, dessen prekäre Situation erkennen. Tatsächlich avanciert in Steiners Roman der Lehrer zum Spiegel des ›Balgs‹ Timon. Dort, wo der Schüler in seiner verstörenden, mitunter brutalen Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst wie gegenüber seiner Umwelt eine Terra incognita bleibt, wird Valentin zum Seismographen dieser Entwicklung, über den die Geschichte Timons überhaupt erst erzählbar wird. (Und entsprechend verwundert es gar nicht, dass die gesamte Introspektion des Endes dann auch dem Lehrer und nicht dem Schüler gehört.)

Was sich aus dem vorliegenden Buch lernen lässt, ist somit auch die Bedeutung der Literarisierung für das rechte Verständnis des Lehrberufs. Die helvetische Wurzel dieser Einsicht liegt – wie ohnehin fast alles – bei Gotthelf. In Gotthelfs Zweitling, den Leiden und Freuden eines Schulmeisters (1838/39), steht am Beginn der Lebens-, Lern- und Lehrgeschichte Peter Käsers ein Widerstreit. Käser, der im Zuge einer Besoldungsreform um den gerechten Lohn gebrachte Schulmeister zu Gytiwil, wird am Eingang des Romans von zwei Traumgestalten heimgesucht: einerseits vom Geist eines alten verkannten Schulmeisters, der Käser dazu überreden will, eine Schrift an den Grossen Rat zu unterschreiben, also eine Klageschrift, in der von den Missständen und Ungerechtigkeiten ausführlich Bericht gegeben wird; andererseits von einer Gestalt, die Käser dazu bringen will, der Welt zu entsagen, Geistlicher zu werden, dies freilich mit sehr weltlichen Argumenten bewaffnet, insbesondere einer Hammeschnitte. Der zwischen den beiden Figuren tobende Kampf wird nicht entschieden, da auf dessen Höhepunkt Käser glaubt, »erstickt zu sein, und mir vergingen die Sinne oder vielmehr des Traumes Bewußtsein“ (Gotthelf 1978, 23).

Der Konflikt zwischen politischer Kampfschrift und geistlicher Predigt bleibt über die gesamten zwei Romanbände bestehen und findet seine Verankerung dann auch entsprechend in der Zueignung Peter Käsers an den »hochverehrten Herrn Direktor des bernischen Schullehrerseminars«. Das Niederschreiben der eigenen Lebenserfahrungen, die innere wie äußere Vita des Schulmeisters gibt sich dort als Zentrum der Bündelung von Wissen und sittlichen Kräften zu erkennen. Das mag man mitnehmen, auch für die Lektüre von Hans-Rudolf Schärers Lesebuch: Wissen und Sittlichkeit bedingen einander, und die Beweisführung dessen findet sich in der Literatur, bei den erzählten Lehrpersonen. Schon bei Gotthelf befinden sich dabei Wissen und Wissensvermittlung immer im Kampf um einen Freiraum vom Privaten, um einen Ort, von dem aus das eigene Leben verständlich würde durch Wissen und an dem nicht – wie sonst – umgekehrt das Wissen durch die privaten Missverhältnisse kompromittiert wird. In diesem Kampf, der immer noch tagtäglich allerorten von Lehrerinnen und Lehrern geführt wird und geführt werden muss, kann dieses Buch eine Stärkung sein und zur Selbstreflexion anleiten. Die Reise, auf die es seine Leserinnen und Leser schickt, lohnt.

Philipp Theisohn

 *1974, Prof. Dr., Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft, Mediävistik und Philosophie in Tübingen, Zürich und Jerusalem. Ordinarius für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Direktor des «Zentrums für literarische Gegenwart» der Universität Zürich. Forschungsinteressen und -schwerpunkte: Deutsche und europäische Literaturen vom Mittelalter bis zur Gegenwart einschliesslich der Science-Fiction und Populärkultur sowie Schweizer (Gegenwarts-) Literatur. Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft. Regelmässige Literaturkritiken in der Neuen Zürcher Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.