Tabea Steiner

 

 

 

 

 

Tabea Steiner (*1981) verfügt über eine Ausbildung als Primarlehrerin. Es folgte ein Studium in Germanistik und Geschichte. Seit 2004 ist sie stark in der Literaturvermittlung engagiert, unter anderem als Initiatorin und Geschäftsleitungsmitglied des Thuner Literaturfestes «Literaare». 

Kontext


«Balg» ist Tabea Steiners Erstling. Der Roman erzählt, wie Antonia und Chris aufs Dorf ziehen und ein Kind bekommen, Timon. Doch bald ist das Paar überfordert, wechselseitige Erwartungen werden enttäuscht, die Beziehung zerbricht. Chris zieht wieder in die Stadt und liiert sich von neuem. Timon bleibt bei seiner Mutter, wird aber - unter anderem aufgrund von deren unempathischem Verhalten und später der Ablehnung, die er durch den neuen Partner der Mutter erlebt - zunehmend zum Problemkind: Er verhält sich destruktiv und gewalttätig gegenüber anderen Kindern und Tieren, ist einsam, wird zu Hause kaum verpflegt und begeht Diebstähle. Einzig bei Valentin, dem einst aus dubiosen Gründen entlassenen Dorflehrer, der von seiner Frau und seiner Tochter verlassen worden ist, findet er ein Stück Akzeptanz und Wärme. 

Text

(…) Es ist schon wieder Samstag, die Mutter ist schon wieder weg. Timon reißt die Kühlschranktür mit beiden Händen auf. Er stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut in jedes Regal, aber Mutter hat kein Essen in den Kühlschrank gestellt. Es gibt nur Brot.

Timon geht in sein Zimmer; er will kein Brot. Nie sagt Mutter, wohin sie geht, aber sie parfümiert sich jedes Mal. Einmal ist sie erst am Morgen zurückgekommen. Sie glaubt sicher, er merkt nichts. 

Aber dann geht er wieder in die Küche, die Mutter merkt nämlich selber nichts. Timon hat den Schlüssel gesucht, als die Mutter nicht da war, und in der Küche in die Schublade getan. Der Schlüssel ist noch da.

Timon späht in den Korridor, macht einen Schritt vor die Tür, hüpft schnell wieder in die Wohnung. Er schneidet zwei Scheiben vom Brot ab. Unten nimmt er das Fahrrad; wann kriegt er endlich ein neues, es ist ihm viel zu klein. Timon steuert zum Schulhaus, kaut Brot, nach der ersten Scheibe hat er genug. Er wirft die andere in die Luft.

Die anderen sind noch nicht hier, nur ein Ball liegt da. Timon kickt ein paar Mal aufs Tor, wartet; haben die anderen vergessen, dass sie abgemacht haben zum Fußballspielen? Alleine kicken ist langweilig, Timon setzt sich an die Schulhausmauer und streckt die Beine aus. 

Gestern in der Pause haben alle gesagt, dass sie heute Fußball spielen. Aber jetzt ist keiner da, wo er schon mal raus kann, haben sie das extra gemacht? Timon zieht seine Kapuze über den Kopf; was soll er jetzt tun, soll er zu Karl, der ist nur nett zu ihm, wenn er etwas will. Timon haut ein paar Mal auf den Ball, dann steht er auf. Hoffentlich sind die Hasen noch da, er war schon lange nicht mehr bei ihnen. Logisch, wenn die Mutter ihn einsperrt, die blöde Kuh. 

Beide Hasen sitzen weit hinten, sie schnaufen gemütlich. »Kommt«, sagt Timon, aber die Hasen reagieren nicht. Timon kriecht ein wenig in den muffigen Stall hinein, der Braune scharrt im Stroh, dann nimmt er eben den Schwarzweißen. Timon zieht ihn mit beiden Händen am Bauch nach vorne, Stroh fällt heraus. 

Der Schwarzweisse ist schwer geworden und zappelt. »Au!« Timon fasst sich ins Gesicht, der blöde Hase hat ihn gekratzt, vor Schreck hat er ihn fallen lassen. Der Schwarzweisse hoppelt davon, durchs hohe Gras in die Wiese hinein, »Nein!« Timon rennt ihm hinterher, der Hase macht Zickzack, »Stopp!« Timon stürzt sich auf das Tier, erwischt es, »Du blödes Vieh!«

Der Schwarzweisse zappelt wild. Timon fällt ein, wie der alte Mann den Hasen getragen hat. Er fasst den Schwarzweißen mit beiden Händen an den Ohren, aber der Hase quietscht wie blöd. Er versucht, Timon am Bauch zu kratzen, Timon schüttelt ihn. Dann schwingt er den Hasen nach links und rechts, da hört er auf zu zappeln. Timon muss lachen, er schwingt den Schwarzweissen noch weiter, im Kreis, bis ihm selber schwindlig wird. Dann setzt er ihn wieder in den Stall. Der Schwarzweisse bleibt liegen. »He«, sagt Timon, jetzt kommt der Braune und schnuppert am Schwarzweissen. Timon bläst ihm Wirbel ins Fell, »Bist du jetzt so müde?« Er stupst den Schwarzweissen an, der wackelt ein wenig, bleibt liegen. Timon klaubt das Stroh zusammen, das vorher herausgefallen ist. Der Schwarzweiße guckt immer noch in die Luft, muss der nicht blinzeln? Timon rüttelt am Hasen, aber der starrt stur geradeaus, und jetzt macht Timon schnell das Tor zu. Ein kühler, kleiner Hasenköttel klebt an seiner Hand, er schüttelt ihn hastig ab.

(…) 

»Gehst du schon?« Timon erschrickt, schaut sich um, am Gartenzaun steht der alte Mann, er hat ihn gar nicht gesehen. Timon tritt in die Pedale, schnell nach Hause, bevor Mutter kommt. Der alte Mann ruft etwas, Timon versteht nichts, guckt nochmals zurück, wieder nach vorne, und dann sieht er die Zaunlatten näherkommen.

Timons Wange tut sehr weh, der Kopf auch. Der alte Mann beugt sich zu ihm herunter, »Hast du dir weh getan?» Timon heult, er will nicht heulen und schüttelt den Kopf, aber das geht gar nicht, weil er auf dem Boden liegt. Der alte Mann hebt das Fahrrad auf. »Wie hast du das denn gemacht?«, fragt er. Das vordere Rad klemmt senkrecht zwischen zwei Zaunlatten. »Komm«, sagt der alte Mann und greift Timon unter die Arme, »du blutest ja, das müssen wir reinigen. Das ist jetzt wichtiger als das Fahrrad.«

Es tut Timon weh im Gesicht, als der alte Mann das Blut abtupft. Am Ellbogen ist sein Pullover kaputt gegangen. Timon legt sich auf das Sofa, er ist so müde, er will nach Hause.

(…)

Timon hatte sich vorhin plötzlich auf seinem Sofa erbrochen, da war es Valentin lieber gewesen, den Jungen nach Hause zu bringen. Vor der Haustür hatte Timon gesagt,»Ich gehe selber«,

»Hallo?« Valentin räuspert sich. Da kommt schon wieder Antonias Stimme, »Hallo?«

Valentin deutet auf das kleine Fahrrad, das neben ihm steht, er räuspert sich nochmals. Aus der Gegen- sprechanlage klingt es jetzt ungeduldig, »Wer klingelt denn um diese Zeit, es ist Samstagabend!« 

»Entschuldigen Sie, ich bin's, ich habe Timons Fahrrad geflickt.«

»Timons Fahrrad?«

 »Ja, er ist in meinen Zaun gefahren.«

 »Heute?«

 »Ja, nach dem Mittag».

« Antonia macht eine Pause, dann fragt sie, »Und darf ich jetzt noch wissen, mit wem ich spreche?« 

»Natürlich, Entschuldigung, ich bin es, Valentin.« Antonia atmet hörbar, »Oh, danke.«

Valentin muss sich wieder räuspern, um zu fragen, »Geht es ihm denn besser?«

»Jaja«, sagt Antonia, und nach einer Pause, »also, danke.«

In der Leitung knackt es. Valentin steht immer noch neben dem kleinen Fahrrad. Er guckt es an, diesen Drahtesel, dann stellt er es an die Wand. Valentin kann nicht aufhören, an den Schwarzweißen zu denken, der am Abend steif und kalt im Stall lag, als er die beiden füttern wollte. Die Spuren im Gras, und wie Timon so schnell davonwollte. Im Treppenhaus geht das Licht aus, in der Glastür erscheint Valentins Spiegelbild. Er geht.

Timon guckt an die Wandtafel, schreibt sich rasch die Hausaufgabe auf einen Zettel, stopft den Zettel in die Schultasche; schnell raus. Er schlüpft in die Schuhe, die Jacke lässt er hängen, ist sowieso zu warm, auf dem Fussballfeld steht es schon zwei zu null.

»Kann ich auch mitspielen?«, ruft Timon. Ein paar Minuten später ruft er es nochmals, aber ein Junge aus der anderen Klasse antwortet ihm, »Die Gruppen sind jetzt super ausgeglichen.« Timon bleibt am Spielfeldrand stehen und schaut zu. Vor dem Tor stehen zwei Mädchen, sie kichern, und da kommt der Ball, »Drei zu null!« Die Mädchen haben den Ball nicht einmal gesehen, sie stehen nur blöd vor dem Tor, und deswegen hat der Torhüter den Ball nicht gesehen. Aber jetzt sagt er zu den Mädchen, »Die Sonne hat mich geblendet.« Timon geht näher und ruft den dreien nochmals zu, »Kann ich auch mitspielen?« Die beiden Mädchen schauen nur kurz rüber, der Torhüter schüttelt den Kopf und die Mädchen kichern wieder; die interessieren sich ja nicht einmal für Fußball. Timon geht weg, schaut den Kleinen beim Hüpfspiel zu; aber da will er sicher nicht mitmachen. Er guckt auf den Boden; eigentlich wünscht er sich neue Schuhe.

Steiner 2019, 98-103 

Fragen zur Diskussion

1. Worin zeigt sich Timons Vernachlässigung durch die Mutter?  

2. Worin zeigt sich seine Einsamkeit? 

3. Aus welchen Gründen und unter welchen Umständen bringt Timon den Hasen um? 

4. Wie verhält sich Valentin, der «alte Mann» und ehemalige Lehrer, nach dem Velo-Unfall gegenüber Timon und gegenüber dessen Mutter? 

5. Valentin ist ebenso ein Aussenseiter wie Timon (er lebt allein und er hat seine Anstellung als Lehrer aufgrund eines angeblich gravierenden Fehlverhaltens - das im Roman nicht restlos geklärt wird ­­-­ verloren). Inwiefern kennen Sie Beispiele, bei denen Aussenseiter sich miteinander solidarisieren, um sich gegenseitig zu unterstützen? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

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