Peter Bichsel

Peter Bichsel (*1935) besuchte das Lehrerinnen- und Lehrerseminar Solothurn und war von 1955-1968 als Primarlehrer tätig. 1965 machte er mit der Kurzgeschichte «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» Furore. 1968 erschienen die ersten von Hunderten von Kolumnen, seinem Hauptwerk, die ihn zu einem der bekanntesten Schweizer Gegenwartsautoren machten. Immer wieder behandeln sie aus einer pointiert gesellschaftskritischen Sicht Themen von Schule, Bildung und Erziehung. Daneben profilierte er sich auch als Essayist und Redner. Von 1974 – 1981 war er Berater und Redenschreiber von Bundesrat Willi Ritschard.

Kontext


Der Text ist der zweite Teil von einer der über 40 Kolumnen, die Peter Bichsel zwischen 1975 und 1978 im Magazin des Zürcher «Tages-Anzeigers» veröffentlicht hat. 

Text

(…) Ich nehme mich nicht aus, auch ich habe gelitten unter der Rechtschreibung und bin dem Lehrer, dem meine Aufsätze trotz der Fehler gefallen haben, heute noch dankbar. Es war nur einer, in der sechsten Klasse, und ihm habe ich geglaubt. Ohne ihn hätte ich den Mut zum Schreiben für immer verloren.

Wir sind zwar stolz darauf - und das mit Recht -, dass bei uns sozusagen jeder lesen und schreiben lernt. Dass es jeder kann, ist bei uns eine Selbstverständlichkeit. Aber in der Schule wird nur Prüfbares gelernt. Also muss man auch die Selbstverständlichkeit des Schreibens prüfbar machen. Zum Schluss werden es wenige sein, die den Mut haben, ihr Können zu benützen. So schafft man sich auf Umwegen die offensichtlich notwendigen Analphabeten.

Am Fremdsprachenunterricht lässt sich dieselbe Sache aufzeigen. Man lernt in der Schule nicht die Sprache, sondern ihre Schwierigkeiten, und dies nicht, weil es vorerst nottut, diese Schwierigkeiten zu kennen, sondern weil sie besser prüfbar sind als die Grundbegriffe. Etwas, das allen gehört - auch ein Wissen, das allen gehört -, gilt in unserer Gesellschaft nichts - also hindert man die einen zum vornherein daran.


Es scheint, dass man das einfacher machen könnte, indem man überhaupt nur den einen Teil schult, aber das würde nicht zum selben Erfolg führen.
Wenn man das so tut, wie wir es tun, erreicht man, dass jene, die es nicht können, die Könner entsprechend bestaunen. Sie, die an den Schwierigkeiten gescheitert sind, können ermessen, wie weit sie von jenen entfernt sind, die diese Schwierigkeiten beherrschen.

Die Rechtschreibung ist nichts anderes als ein Repressionsmittel.

Ich möchte sie keineswegs in Bausch und Bogen verdammen, warum soll es sie nicht geben, aber sie wird überschätzt, und sie wird nicht für, sondern gegen die Lernenden eingesetzt. Man hat den Unterschied zwischen Analphabeten und Alphabeten nur etwas nach oben geschoben, aber keineswegs abgeschafft. Auch wenn das nicht absichtlich geschehen ist, hat das seine Gründe.
 
Nun gibt es Leute, die ernsthaft glauben, das Problem sei die Grossschreibung im Deutschen. Sie müsse abgeschafft werden, und dann sei alles gut. Sie unterschätzen unsere Prüfungsschule, denn wenn man einen Fehler weniger machen kann, dann werden die andern nur umso höher bewertet, der Unterschied wird noch etwas mehr nach oben verschoben. Nicht die Grossschreibung muss man abschaffen, sondern die Rechtschreibung. Ich bin dafür, dass wir sie den Typographen übergeben, den Fachleuten, den Liebhabern. Gut, ich weiss, einen Verlust muss man dabei in Kauf nehmen - von mir aus auch eine Verödung der Kulturlandschaft.

Aber unser Staat hat sich einmal entschieden - mit Gründen und zu Recht -, allen Leuten das Lesen und Schreiben beizubringen. Weshalb hindern wir sie dann mit Kleinlichkeit daran, das Gelernte zu benützen?

Im Übrigen - Rechtschreibung gibt es erst, seit die Schrift der »Gefahr« der allgemeinen Benützung ausgesetzt ist. Als erst wenige deutsch schrieben, gab es noch keine verbindliche Rechtschreibung. Das Schreibenkönnen an und für sich war damals elitärer Unterschied genug.

Eigenartig, dass man selbst eine Krankheit im Zusammenhang mit Rechtschreibung - einer Erfindung - bemüht: Legasthenie. Sie sei heilbar, sagt man, aber leider würden nicht alle Kranken erfasst und es seien viele. Weshalb behandelt man nicht alle wie bei den Pocken? Die Abschaffung der Rechtschreibung als Selektionsmittel wäre ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Einführung des Alphabets. Für Konservative vielleicht ein Verlust an ein bisschen Kultur, aber ein Zivilisationsgewinn wäre es bestimmt.
 
Wir neigen dazu, die Schreibstuben in Analphabetengegenden zu belächeln: der Liebende, der hingeht, um einen Brief schreiben zu lassen für die Geliebte, und die Geliebte, die dann hingeht, um sich diesen Brief vorlesen zu lassen.
 
Machen wir uns nichts vor, es gibt diese Schreibstuben auch bei uns; ich schreibe hier oft Briefe für Leute - und oft für Leute, die es selbst können, aber den Mut nicht haben dazu. Auch bei uns ist Schreiben nach wie vor ein Privileg, und es wird offensichtlich verteidigt wie andere Privilegien auch.

Pestalozzi - so denke ich - hat sich vom Lehren und Lernen jedenfalls mehr versprochen, und die Politiker, die nicht unschuldig sind daran, haben recht, wenn sie sich über unser dummes Volk beklagen. Aber sie haben nicht nur recht. Sie rechnen auch von Fall zu Fall damit. Das eine Mal hoffen sie, dass die Leute die Schrift beherrschen, das andere Mal hofft man auf Analphabetismus. Zwei Dinge auf einen Schlag, das hat man jedenfalls erreicht und wo käme man hin, wenn jeder auf Schriftliches schriftlich reagieren könnte

Im Übrigen, ich meine nicht Rechtschreibung, ich versuchte es nur daran zu erklären, ich meine Sprache.


Bichsel 1979, 104-106

Fragen zur Diskussion

1. Wie begründet Bichsel die Behauptung, dass Rechtschreibung ein Repressionsmittel ist? 

2. Welche Wirkungen werden der Rechtschreibung als Repressionsmittel zugeschrieben? 

3. Der Textausschnitt operiert in weiten Teilen mit Verallgemeinerungen. Welche erscheinen Ihnen problematisch? 

4. Wie lässt sich die Vehemenz begründen, mit der Bichsel gegen die Rechtschreibung anschreibt? 

5. Rechtschreibung steht für Peter Bichsel als pars pro toto für Sprache generell. Inwiefern sind Ihnen weitere sprachliche Herrschaftsmittel bekannt (Beispiele)? 

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter). 

 

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