Peter Bichsel

Peter Bichsel (*1935) besuchte das Lehrerinnen- und Lehrerseminar Solothurn und war von 1955-1968 als Primarlehrer tätig. 1965 machte er mit der Kurzgeschichte «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» Furore. 1968 erschienen die ersten von Hunderten von Kolumnen, seinem Hauptwerk, die ihn zu einem der bekanntesten Schweizer Gegenwartsautoren machten. Immer wieder behandeln sie aus einer pointiert gesellschaftskritischen Sicht Themen von Schule, Bildung und Erziehung. Daneben profilierte er sich auch als Essayist und Redner. Von 1974 – 1981 war er Berater und Redenschreiber von Bundesrat Willi Ritschard.

Kontext


Der Text ist ein Ausschnitt aus einer Ansprache, die Peter Bichsel 1981 aus Anlass des Jubiläums zum 50jährigen Bestehen der «VPOD-Sektion Lehrer» in Zürich gehalten hat.

Text

(…). Es ist eine eigenartige Sache, dass die Schule immer wieder von der Lernunwilligkeit der Schüler ausgeht. Die Klage der Lehrer über unsere Lernunwilligkeit begleitet unsere ganze Schulzeit von der Volksschule bis zur Universität: »Die Schüler sind zu faul, die Studenten sind zu faul, niemand will lernen.« Dabei treten in die erste Klasse der Volksschule lauter Lernwillige ein, und es sind nicht nur Lernwillige, es sind auch Lernfähige. Sie haben grosse Erfahrungen im Lernen, sie haben nicht ohne grosse Anstrengungen sitzen gelernt, stehen gelernt, laufen gelernt, reden gelernt. Sie verstehen praktisch vom Lernen mehr als ihr Lehrer, der sein eigenes Lernen längst vergessen hat, der an seine eigene Schule keine Lernerinnerungen hat, sondern nur Prüfungserinnerungen und Erfolgserinnerungen: er ist durchgekommen.

Die ersten Stunden in der Volksschule beginnen mit Beleidigungen. Der Erstklässler hat erwartet, dass er mit seinem Schuleintritt jetzt auch zu den »Grossen« gehöre. Er begegnet nun aber einem kindischen Gesprächston, wie er ihn von seiner Mutter zu Hause längst nicht mehr kennt. Er lernt nicht - was ihm versprochen wurde - das A und das B und das C, sondern er wird mit kindischen Spielen zum Lernen verführt. Er wird von Anfang an wie einer behandelt, der nicht lernen will. Er wird vorerst zur Lern-Unwilligkeit verführt. Man nennt das Didaktik oder Methodik, und diese Methodik hat Methode: Würde man von der menschlichen Lernwilligkeit ausgehen, dann könnte man dem Schüler nur den Lehrstoff vermitteln, dann wären letztlich Lesen und Schreiben so viel wert wie Gehen, Stehen und Sprechen. Auch diese drei Dinge tun wohl nicht alle Menschen gleich, aber man wertet das Gehen nicht zum vornherein. Würde die Schule nun die natürliche Lernfähigkeit übernehmen, dann ließen sich die Resultate nicht werten und prüfen. Die natürliche Lernfähigkeit ermöglicht keine Selektion. Gelerntes ist letztlich nicht prüfbar.

Ohne Lernunwilligkeit keine Selektion. Wo nicht etwa der Stoff, sondern die Lernwilligkeit und die Arbeitsleistung geprüft werden sollen, da muss vorerst die natürliche Lernwilligkeit abgebaut werden. Eine natürliche Fähigkeit muss durch Arbeit ersetzt werden. Man lernt in der Schule nicht Dinge und Sachen, sondern man lernt in der Schule das Arbeiten. Man lernt, dass Arbeit unangenehm ist, im Schweisse unserer Angesichter stattzufinden hat, und deshalb, nur deshalb, Gott wohlgefällig ist. Man lernt in der Schule, dass man sich durchzusetzen habe: durchzusetzen gegen wen? Gegen die andern: einmal als Nation, alle Schweizer gegen die faulen Ägypter, und dann auch selbstverständlich als einzelne, jeder gegen jeden. Ohne Konkurrenz keine Arbeit: ein Volk von gleich gut Lesenden wie etwa einigermassen gleich gut Stehenden, das wäre für die freie Marktwirtschaft untauglich und für den sozialen Bruttosozialproduktstaat auch. Wer nur das Lesen lernt, der lernt noch lange nicht, sich zu Tode zu krampfen.

Die Selektion ist früh abgeschlossen, mit etwa drei Schuljahren sind die Fronten im grossen ganzen abgesteckt. Die Schulversager erkennen sich selbst bereits als Schulversager. Die Sieger sind die Systemwilligen, nämlich jene, die ihre Lernwilligkeit durch Arbeitswilligkeit ersetzt haben. Die Schule ist eine Arbeitserziehungsanstalt. Sie ist - im Unterschied zu Anstalten, die man offiziell so nennt - sehr erfolgreich. Die Schweizer können arbeiten, die ganze Welt weiss das. Das Bruttosozialprodukt ist nicht nur blödsinnig, sondern auch die Grundlage des Sozialstaates. Die Abhängigkeit vom Bruttosozialprodukt erübrigt Diskussionen über Menschlichkeit. Und wer will das anders. Das ist doch alles gut. 

Das wollen wir! Was wollen wir sonst? 

Vielleicht doch noch einiges mehr. 

Die Abschaffung der Kinderarbeit im 19. Jahrhundert war nur gegen harte Widerstände der Arbeitgeber möglich. Ganz abgesehen von der Ausbeutung: diese Kinderarbeit war auch als »Schule« gedacht. Man hat das Arbeiten früh zu lernen; wer es nicht als Kind lernt, der lernt es nicht mehr. Auf die voreilige Ausbeutung der Kinder hat man verzichtet, auf die Arbeitserziehung konnte man nicht verzichten. Eltern wissen, wie überbelastet selbst Volksschüler sein können. Ich habe kürzlich mit einer Mutter zusammen die rein schulische Wochenarbeitsleistung eines zehnjährigen Mädchens (eine ausgesprochen gute, vielleicht etwas zu gewissenhafte Schülerin) ausgerechnet. Seine Arbeitsleistung (Schule und Hausaufgaben) machten eine Wochenleistung von über 50 Stunden aus. Gäbe es noch die Kinderarbeit, kein Unternehmer könnte sich das leisten. Die Arbeitserziehung wird von der Schule gründlicher geleistet. Der Verzicht auf die voreilige Ausbeutung der Kinder durch die Industrie hat sich gelohnt. 

Schülerarbeit im 20. Jahrhundert ist der Ersatz für die Kinderarbeit im 18. und 19. Jahrhundert. Hier kann das Manchestertum noch wilde Orgien feiern. Schülerarbeit untersteht keinem Gesamtarbeitsvertrag. Ausgerechnet der Schüler ist der einzige in unserem Staat, dem keine Höchstwochenstundenzahl garantiert wird. Seine Arbeitsbelastung ist unkontrollierbar. Er ist nicht einmal dem Heimarbeitergesetz unterstellt. Die Forderung von Gymnasiasten nach einer 40-Stunden-Woche würde wohl mit Entsetzen entgegengenommen werden. Ein Schüler hat zwar seine Freizeit, aber er benützt sie auf eigene Verantwortung, sie ist ihm nicht garantiert. Er hat sich selbst zu entscheiden, ob er sich Freizeit leisten kann oder ob er »lernen«, nämlich arbeiten muss. Seine Freizeit hat mit Freiheit noch weniger zu tun als die Freizeit des Industriearbeiters. Er wird seine Freizeit immer unter dem Gewissensdruck der nicht oder mangelhaft geleisteten Arbeit verbringen.

Genau dieser Gewissensdruck ist das eigentliche Lehrziel unserer Schule. Dieser Gewissensdruck ist notwendig für eine Wirtschaft, die Wachstum als notwendig erachtet. Ich habe dazu keine Alternative. Ich halte es für sinnvoll, Menschen auf das Erwerbsleben vorzubereiten, und man muss sie wohl auf jenes Erwerbsleben vorbereiten, das wir haben. Die humane Forderung, dass der Schüler nicht einfach den Stoff, sondern am Stoff lernen soll, ist also bereits erfüllt. Und nicht nur bereits erfüllt, sondern auch bereits besetzt. 

Arbeit, das muss auch gesagt werden, ist nichts Negatives. Jeder Mensch und unter allen Bedingungen hat das Arbeiten zu lernen. Meine Ausführungen über die Arbeitserziehungsanstalt Schule sind nicht kritisch, sondern nur feststellend gemeint. Kritisch sind nur meine gewerkschaftlichen Überlegungen in Sachen Gesamtarbeitsvertrag und Heimarbeitergesetz. Und dass sogar ich selbst diese beiden Begriffe im Zusammenhang mit Schülern als komisch empfinde, das macht mich traurig. 

Ich kenne die Frage, und ich finde sie berechtigt: »Wo ist die Alternative?« 


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich fürchte, es gibt diese Alternative nicht. Ich fürchte, Schule wird, wo auch immer und unter was für Umständen, ein Dilemma bleiben. Damit hat sich der schlechte Lehrer abzufinden und der gute Lehrer auseinanderzusetzen. (…)

Bichsel 1985 (Nachdruck), 15-19

Fragen zur Diskussion

1. Was halten Sie von der Behauptung Bichsels, dass die ersten Stunden in der Volksschule für viele Kinder mit Beleidigungen beginnen? 

2. Welche Faktoren behindern gemäss dem Textausschnitt die Lernwilligkeit der Schülerinnen und Schüler?

3. Welche Rolle spielt dabei die schulische Selektion? 

4. Inwiefern erscheinen Ihnen die Ausführungen zur Belastung der Kinder in der Schule zutreffend und aktuell? 

5. Inwiefern teilen Sie die Einschätzung Bichsels am Schluss des Textausschnitts, dass seine Kritik an der Schule – aller zugespitzten Negativität zum Trotz – ohne Alternative ist?

6. In welchen Handlungsfeldern gemäss dem Referenzrahmen der PH Luzern ist das Textgeschehen vor allem angesiedelt? 

7. Bitte nennen Sie eine bis drei Professionskompetenzen aus dem Referenzrahmen der PH Luzern, die in diesem Textausschnitt besonders zum Tragen kommen (mit Mentimeter) 

 

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