Jeremias Gotthelf

 

Jeremias Gotthelf (1797–1854) ist das Pseudonym von Albert Bitzius. Ab 1832 bis zu seinem Tod war er Pfarrer in Lützelflüh im Kanton Bern. Er verfasste zahlreiche Romane (z.B. «Uli der Knecht», 1846), Erzählungen (z.B. «Die schwarze Spinne», 1842), aber auch journalistische Schriften und Aufsätze. 1835 wurde er zum «Schulkommissär» für die 18 Schulen der Gemeinden Lützelflüh, Rüegsau, Hasle und Oberburg gewählt. Zehn Jahre später wurde er wegen politischer Differenzen von der Regierung aus diesem Amt entlassen. Gotthelf befürwortete die allgemeine Schulpflicht, bemühte sich um Alphabetisierung der bäuerlichen Bevölkerung, den Auf- und Ausbau des Volksschulwesens und die Verbesserung der erst rudimentären Lehrerbildung. Pädagogisch stand er in der Tradition von Heinrich Pestalozzi, dem er 1826 persönlich begegnete. Er gilt neben Gottfried Keller als Hauptvertreter der literarischen Epoche des Realismus in der Schweiz. 

Kontext


«Leiden und Freuden eines Schulmeisters» ist nach dem «Bauernspiegel» der zweite Roman von Gotthelf. Die fiktive Figur Peter Käser stellt als Ich-Erzähler seine Lebensgeschichte sowie seinen Werdegang und seine Erfahrungen als Primarlehrer im fiktiven Ort Gytiwil dar. Schonungslos kommen dabei die unhaltbaren Zustände im Schulwesen und die miserablen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen der Schulmeister sowie deren untergeordnete gesellschaftliche Stellung zur Sprache.

Text

Vorwort für Laien

 

(…) Weil dieses Buch von einem Schulmeister handelt, so werden viele es nicht anrühren mögen. Es ist eine alte Mode, dass man die Nase rümpft, wenn man einen Schulmeister von weitem sieht, dass zu gähnen anfängt, wer nur von einem Schulmeister hört. Und doch ist ein Schulmeister akkurat ein Mensch wie ein anderer. Vielleicht trägt er einen kuriosen Rock, halb herrschelig, halb bäurisch, vielleicht schlengget er ihn auch auf apartige Weise; aber unter dem Rock im Herzen sitzt genau der gleiche Mensch wie unter des Ammanns, wie unter des Schultheissen Rock. In diesem Buche steht nun freilich beschrieben, wie der Schulmeister seinen Rock aparti schlengge; aber noch besser ist der Mensch beschrieben, der auch euch im eigenen Herzen sitzt. Schaut euch diesen Menschen recht an; vielleicht macht euch dessen Anblick milder gegen andere, namentlich gegen Schulmeister, strenger aber gegen euch selbst; dann hat dieses Buch auch für euch, Ihr Laien, reichlich Frucht getragen.

Gotthelf 1978 (Nachdruck), 336 

Fragen zur Diskussion

 

1. Wie definiert Gotthelf den Zweck seines Buchs? 

2. Welche Bedeutung sehen Sie darin, dass Gotthelf die Leser als «Laien» anspricht? 

3. Worin liegt die Aktualität dieses Vorwortes? 

4. Welche besonderen sprachlichen Merkmale kennzeichnen den Text? 

5. Unter welchen bildungsgeschichtlichen Umständen hat Gotthelf den Roman geschrieben (vgl. etwa Grunder 2012)? 

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